Bei Biotech-Investments blicken Anleger meist in die USA. Dabei wird auch in Europa erfolgreich geforscht - und es gibt einige höchst interessante Investmentchancen. BÖRSE ONLINE stellt fünf von Ihen vor.
Rund zehn Prozent der Bevölkerung in Europa und den USA leiden unter Autoimmunkrankheiten wie Diabetes Typ 1, Multiple Sklerose oder rheumatoide Arthritis. Millionen erkranken jährlich an Krebs. Biotechnologie- und Pharmariesen rund um den Globus investieren Milliarden in die Entwicklung neuer Therapien. Allein in den USA wurden 2024 insgesamt 50 neue Medikamente zur Behandlung von Krebs zugelassen. Dabei gehen vor allem Biotechunternehmen längst neue Wege. Verschiedenen Studien zufolge wird sich der Markt für neue Technologien wie mRNA- und CAR-T-Cell-Therapien bis 2035 vervielfachen (siehe Grafik). Die meisten Anleger richten ihren Fokus bei Biotech-Investments auf die USA. Dabei gibt es zahlreiche europäische Biotechnologieunternehmen mit Produkten, die bereits zugelassen sind, und vielversprechenden Wirkstoffen, die sich in fortgeschrittenen klinischen Phasen befinden.
Niederländer haben schon den Blockbuster
Argenx ist auf die Entwicklung von Antikörpertherapien zur Behandlung von Autoimmunkrankheiten und Krebs spezialisiert. 2021 erhielten die Niederländer in den USA die Zulassung für Vyvgart. Das Medikament wird zur Behandlung von Myasthenia gravis (MG), einer seltenen Autoimmunkrankheit, bei der die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Muskeln gestört ist, eingesetzt. Einer Studie der Myasthenia Gravis Foundation of America zufolge leiden allein in den USA 37 Personen pro 100 000 Einwohner an dieser seltenen Autoimmunkrankheit. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres erzielte der Konzern einen Umsatz von 2,9 Milliarden US-Dollar — ein Plus von 98 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Inzwischen ist Vyvgart auch in China, Japan und Europa zugelassen. In den USA darf es zudem zur Behandlung von chronisch inflammatorischer demyelinisierender Polyneuropathie (CIDP) eingesetzt werden.
Richard Vosser, Analyst bei JP Morgan, sieht mittelfristig ein jährliches Umsatzpotenzial bei Vyvgart von 4,7 Milliarden US-Dollar bei MG und 4,5 Milliarden US-Dollar bei CIDP. „Neben der weiterhin starken Nachfrage nach Vyvgart bei MG und CIDP sehen wir für Argenx im Jahr 2026 ein vielversprechendes Wachstumspotenzial, da die Ergebnisse von fünf Zulassungsstudien erwartet werden, darunter die ersten Ergebnisse für den zweiten Wirkstoffkandidaten Empasiprubart“, schrieb Vosser in einer Studie. Er rechnet daher von 2026 bis 2029 mit einem durchschnittlichen Gewinnzuwachs pro Aktie von 28 Prozent pro Jahr. Die Aktie legte seit Sommer kräftig zu. Mit einer Bewertung von 43,2 ist sie kein Schnäppchen, aber angesichts der Wachstumschance dennoch attraktiv.
Briten mit ersten Umsätzen
Autolus Therapeutics konzentriert sich ebenfalls auf die Entwicklung von Medikamenten gegen Autoimmunkrankheiten und Krebs. Allerdings setzen die Briten auf sogenannte CAR-T-Cell-Therapien. Dabei werden körpereigene Immunzellen (sogenannte T-Zellen) genetisch so verändert, dass sie beispielsweise Krebszellen identifizieren und zerstören können. Anfang November 2024 erhielt Autolus in den USA die Zulassung für Aucatzyl zur Behandlung von Erwachsenen mit rezidivierter oder refraktärer Leukämie. Patienten, deren Leukämieerkrankung nach einer ersten Behandlung zurückkehrte oder bei welchen die Behandlung nicht ansprach, können nun mit Aucatzyl behandelt werden.
In den ersten neun Monaten dieses Jahres generierte das Biotechnologieunternehmen einen Umsatz von 51 Millionen US-Dollar, 21,1 Millionen US-Dollar allein im dritten Quartal. Die Therapie wird bisher in 60 Krankenhäusern in den USA angeboten. Konzernchef Christian Itin erklärte im Rahmen der Bekanntgabe der Q3-Zahlen, dass die Produktionskapazitäten und das Netzwerk behandelnder Krankenhäuser ausgebaut werden sollen. „Basierend auf vielversprechenden Phase-I-Daten potenziell zulassungsrelevanter Studien bei pädiatrischer lymphoblastischer Leukämie und bei schwerer Lupus Erythematosus, einer autonomen Nierenerkrankung, sollen die Anwendungsmöglichkeiten und die kommerziellen Möglichkeiten von Aucatzyl erweitert werden“, erklärte Itin. Die Ende Oktober veröffentlichten Studienergebnisse zur Behandlung von Lupus Erythematosus waren vielversprechend. Ende des Jahres könnte die nächste klinische Phase II beginnen.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: BioNTech.
Biontech hat gleich mehrere Eisen im Feuer
Im Februar 2024 gab Biontech eine Kooperation mit Autolus bekannt. Ziel ist, die autologen CAR-T-Programme zur Marktreife zu führen. Die Autolus-Aktie gab zuletzt dennoch nach. Im dritten Quartal verbuchte das Unternehmen einen Verlust von knapp 85 Millionen US-Dollar. Die Liquidität lag Ende September bei 367,4 Millionen US-Dollar. Nach Angaben von Bloomberg ist ein großer Teil der Analysten mittelfristig zwar optimistisch. Allerdings erwarten sie erst 2029 schwarze Zahlen. Anleger müssen somit weiter mit hohen Kursschwankungen rechnen.
Warten auf Blockbusterkandidat
Biontech ist vielen Anlegern durch die Corona-Impfung bekannt. Ihre Erträge spülten seither zweistellige Milliardengewinne in die Kasse. Kapital, das benötigt wird, um andere Projekte wie Immer therapien gegen Krebs auf den Markt zu bringen. Zu den Hoffnungsträgern zählt die gemeinsam mit Bristol-Myers Squibb entwickelte Antikörpertherapie gegen Krebs. Kürzlich erhielt Biontech vom Entwicklungspartner 1,5 Milliarden Euro. 2026 Jahr soll die Zulassung beantragt werden.
Gleichzeitig will Biontech selbst entwickelte Medikamentenkandidaten voranbringen. Mit BNT316, einem Antikörperkandidaten gegen Lungenkrebs, und BNT323, einem Antikörperkandidaten gegen Brustkrebs, sind weitere Therapien in fortgeschrittenen Entwicklungsstadien. Gleichwohl warten Anleger auf den langersehnten Zulassungsantrag für BNT323. Dies könnte der Startschuss für eine Rally in Richtung 130 Euro sein.
Danish Dynamite
Genmab hat sich auf die Entwicklung von Antikörpertherapien zur Behandlung von Krebs und Entzündungserkrankungen wie Arthritis spezialisiert. Mit den gemeinsam mit Partnern entwickelten Darzalex gegen Blutkrebs, Tivdak gegen Gebärmutterhalskrebs und Epkinly zur Behandlung von langsam wachsendem, meist in den Lymphknoten entstehendem Krebs, hat Genmab bereits Produkte mit Blockbusterpotenzial auf dem Markt. In den ersten neun Monaten sorgten vor allem Lizenzeinnahmen aus der Darzalex-Kooperation für einen Umsatzanstieg von 21 Prozent.
Der Fokus richtet sich aktuell auf die Ausweitung der Anwendungen von Epkinly. Erste Entscheidungen werden für 2027 erwartet. Große Hoffnung verbindet Genmab zudem mit den allein entwickelten Rina-S und Acasunlimab, deren erste Anwendungen bereits in Phase III sind.
Die schon auf dem Markt befindlichen Produkte sorgen bei Genmab für wachsende Umsätze und die Pipeline ist vielversprechend. Gleichwohl besteht noch eine hohe Abhängigkeit von den Erlösen aus Darzalex. Zudem könnten steigende Investitionen in die eigenen Medikamentenkandidaten in den kommenden Jahren auf die Marge drücken. Dennoch ist ein Großteil der Analysten für die Aktie der Dänen weiterhin zuversichtlich gestimmt.
Der Übernahmekandidat
Immunocore hat eine eigene Technologieplattform namens ImmTAX entwickelt, die bispezifische TCR-basierte Therapien ermöglicht, um das Immunsystem zu aktivieren und gegen Krebs, Infektionskrankheiten sowie Autoimmunerkrankungen vorzugehen. Für Kimmtrak mit dem Wirkstoff Tebentafusp haben die Briten in Europa und den USA die Zulassung zur Behandlung von Augenkrebs. Die guten Q3-Zahlen zeigen, dass das Management bei der geografischen Expansion Fortschritte macht und längere Behandlungen mit Kimmtrak positiv zu Buche schlagen. Studien zu weiteren Anwendungen von Kimmtrak und zum zweiten Wirkstoff Brenetafusp sind bereits in Phase III. Experten von H.C. Wainwright sehen für Kimmtrak sogar Blockbusterpotenzial. Angesicht der robusten Produktpipeline und der soliden Bilanz kursierten in der Vergangenheit immer wieder Übernahmespekulationen um Immunocore.
AKTION
Dieser Artikel stammt aus BÖRSE ONLINE, Heft 48/2025 (hier als E-Paper hier kaufen).
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