Diese Aktie ist schon länger ein Sorgenkind an den deutschen Börsen. 2025 brach kein anderes Papier hierzulande stärker ein. Es schien, als seien jetzt alle Probleme aufgearbeitet– doch nun gibt es neuen Abschreibungsbedarf.
Der im SDAX notierte Spezialverpackungshersteller Gerresheimer hat offenbar weitere Fehler in seineen Bilanzen gefunden. Deshalb verschob Gerresheimer am Dienstagabend die eigentlich für den 26. Februar geplante Bilanzpressekonferenz auf unbestimmte Zeit. Dier Aktie brach darauf im frühen Xetra-Handel erneut zweistellig ein: um 30 Prozent. Zeitweilig kostete sie nur noch 17,60 Euro.
„Die Gesellschaft hat aufgrund interner Hinweise in Abstimmung mit dem Abschlussprüfer weitere Untersuchungen durch eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zur Erfassung von Umsatzerlösen und Bilanzierung in den Geschäftsjahren 2024 und 2025 beauftragt“, schrieb Gerresheimer in seiner ad-hoc-Mitteilung. Damit wolle man sicherstellen, „dass die Vorjahreszahlen, unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus der Untersuchung einer unabhängigen Rechtsanwaltskanzlei im Zusammenhang mit dem laufenden BaFin-Verfahren, umfassend korrigiert werden und der Jahres- und der Konzernabschluss 2025 den Ansprüchen an Qualität, Konformität und Transparenz vollumfänglich gerecht werden.“ Da die Untersuchungen derzeit noch andauerten, „besteht ein höherer zeitlicher Bedarf für die Erstellung und Prüfung des Jahres- und des Konzernabschlusses 2025 einschließlich der Korrektur der Vorjahreszahlen.“ Ein neuer Veröffentlichungstermin für die Bilanz wurde nicht genannt.
Bereits 2025 Korrekturen nach BaFin-Untersuchung
Bei Gerresheimer hatte es im Jahr 2024 erste Gerüchte um Unregelmäßigkeiten in der Bilanz gegeben, sogar von Bilanzfälschung war die Rede. Es ging unter anderem um die frühzeitige Verbuchung von Umsätzen. Die Vorwürfe führten zu einer Untersuchung der Börsenaufsicht BaFin, ein ungewöhnlicher Vorgang. Danach meldete Gerresheimer im Oktober 2025, dass drei Millionen Euro Umsatz nicht schon in 2024 hätten verbucht werden dürfen. Da befand sich die Aktie schon seit einem Jahr im Sinkflug. Am 22. Dezember teilte Gerresheimer dann den Umfang der notwendigen Korrekturen mit: „Die im Konzernabschluss 2024 erfassten Umsätze aus Bill-and-Hold-Vereinbarungen von rund 28 Millionen Euro werden korrigiert und in den Umsatzerlösen des Geschäftsjahres 2025 erfasst." Bei Bill-and-Hold-Vereinbarungen wird bereits vorab die Rechnung gestellt, die Ware selbst aber erst zu einem späteren Zeitpunkt geliefert. Umgekehrt würden nun zehn Millionen Euro Umsätze aus solchen Vereinbarungen aus dem Geschäftsjahr 2023 im Jahr 2024 erfasst, meldete Gerresheimer.
Prognose schon wieder geändert
Zu diesem Zeitpunkt schien sich der Konzern gefangen zu haben. Der Vorstand traute sich im Oktober sogar wieder eine Prognose zu. Diese ist nun offenbar ebenfalls obsolet: „Auf Basis der derzeitigen Erkenntnisse der laufenden Untersuchungen und der Abschlussarbeiten geht Gerresheimer aktuell von einem zusätzlichen Korrekturbedarf für das Geschäftsjahr 2024 aus“, heißt es in der ad-hoc-Mitetilung. Es gehe „voraussichtlich“ um rund 17 Millionen Euro Umsatz, auch das adjustierte EBITDA werde noch einmal um rund 19 Millionen Euro niedriger ausfallen. Darunter sei eine Belastung von rund vier Millionen Euro aus der Bewertung von Vorräten.
Zusammen mit den Korrekturen, die Gerresheimer kurz vor Weihnachten gemeldet hatte, ergebe sich für das Geschäftsjahr 2024 nun insgesamt ein nachträglicher Korrekturbedarf von 35 Millionen beim Umsatz und rund 24 Millionen Euro beim adjustierten EBITDA. Auch im Rahmen der „noch laufenden Untersuchungen“ aufgedeckte fehlerhaften Buchungen aus dem Geschäftsjahr 2025 „werden korrigiert“.
Wachstumsprognose für 2025 steigt nun sogar
Interessanter Nebeneffekt: Weil die Zahlen für 2024 nach unten korrigiert werden müssen, hob Gerresheimer nachträglich seine Prognose für 2025 an. Gegenüber dem bisherigen Ausblick vom Oktober 2025 werde der Umsatzrückgang nun „voraussichtlich am oberen Ende der Spanne von minus 4 bis minus 2 Prozent oder geringfügig besser ausfallen.“ Die bereinigte EBITDA-Marge werde mit 16,5 bis 17,5 Prozent etwas tiefer liegen als bisher prognostiziert (zuvor 18,5 bis 19,0 Prozent). Der bereinigte Gewinn je Aktie „wird voraussichtlich im hohen zweistelligen Prozentbereich zurückgehen und kann auch negativ werden“.
Aktionäre müssen sich also trotz Umsatzwachstums auf tiefrote Zahlen einstellen. Denn Impairment-Tests ergaben im Geschäftsjahr 2025 zusätzliche Wertminderungen in Höhe von rund 220 bis 240 Millionen Euro. Bei diesen Tests werden üblicherweise vor allem Goodwill-Positionen aus früheren Übernahmen und die Werte von Beteiligungen in der Bilanz auf ihre Werthaltigkeit überprüft. Diese Abschreibungen seien aber – immerhin – nicht zahlungswirksam, teilt Gerresheimer mit. Gleichwohl reduziert ein Verlust daraus üblicherweise das Eigenkapital.
Einer der heftigsten Auslöser für die Abschreibungen wurde offenbar bei der US-Tochter Gerresheimer Moulded Glass in Chicago gefunden. Diese Gesellschaft werde „zum Ende des Geschäftsjahres 2026 geschlossen“, teilte Gerresheimer mit. Außerdem werde „zur Optimierung der Kapital- und Finanzierungsstruktur“ die 100-prozentige US-Tochter Centor verkauft. Offenbar braucht Gerresheimer jetzt Geld.
Analyst gibt überraschende Kaufempfehlung
Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet Gerresheimer nun, trotz eines voraussichtlich schwächeren ersten Halbjahres, Umsatzerlöse von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro, einen Anstieg der bereinigten EBITDA-Marge auf 18 bis 19 Prozent „sowie einen moderat positiven Free Cashflow“.
Analysten regierten ungewohnt sanftmütig auf die erneuten Schocknachrichten. Der Weg des Spezialverpackungspartners der Pharmaindustrie führe von „schlecht über schlimmer zu noch schlimmer“, schrieb David Adlington von JP Morgan in einem ersten Kommentar. Er sieht nun enorme Unsicherheiten und sagte zweistellige Kursverluste voraus – die heute auch eintraten. Überraschend ist jedoch seine Anlageempfehlung: „Kaufen“ laute die, mit einem Kursziel von 46 Euro. Da wäre auf Basis des aktuellen Kurses nach dem Einbruch ein Anstieg um das Zweieinhalbfache.
Auch wenn es Anleger nach diesem Kursziel in den Fingern jucken sollte: Die Gerresheimer-Aktie ist ein fallendes Messer. Bislang folgte auf jede Horrornachricht nach wenigen Wochen schon die nächste. Bevor nicht klar ist, ob bei der Bilanz-Aufarbeitung nun wirklich alle Leichen im Keller gefunden wurden und was die Korrekturen für die finanzielle Lage von Gerresheimer und die Eigenkapitalausstattung bedeuten, sollten Anleger die Aktie nur beobachten – und noch nicht wieder einsteigen.
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