Wenige Stunden vor dem Zinsentscheid der US-Notenbank Fed haben die europäischen Aktienmärkte am Mittwoch zugelegt. Zwar gilt die erste Zinserhöhung in der weltgrößten Volkswirtschaft als sicher. Für Spekulationen sorgt aber die Frage, wie stark die Fed die geldpolitischen Zügel in den kommenden Monaten anziehen wird. Denn mit ihrer Politik des billigen Geldes hatte die Notenbank vor allem an den Aktienmärkten für Hochstimmung gesorgt, so dass die Indizes dies- und jenseits des Atlantiks von Rekord zu Rekord geeilt waren. "Wir glauben, dass das Umfeld für die Aktienmärkte weiter gut bleibt, schließlich druckt die EZB ja weiter Geld", sagte ein Händler.

Der Dax zog bis zum Nachmittag um 0,9 Prozent auf 10.548 Zähler an, der EuroStoxx50 legte 0,8 Prozent zu. Für die Wall Street signalisierten die US-Futures zur Eröffnung leicht steigende Kurse. Der Euro war mit 1,0920 Dollar wenig verändert. Durch die höheren Zinsen in den USA wird der Dollar für viele Anleger wieder attraktiver, was die Gemeinschaftswährung auf mittlere Sicht schwächen könnte.

Eine Zinserhöhung um ein Viertel Prozent ist laut Händlern schon in den Kursen berücksichtigt. Angesichts nervöser Investoren und dünner Jahresend-Liquidität reiche aber schon ein falsches Wort, um den Markt in Aufruhr zu versetzen, sagte Commerzbank-Analystin Esther Reichelt. "Fed-Chefin Janet Yellen muss jedes Wort auf die Goldwaage legen."

Die Fed gibt die Entscheidung erst nach Handelsschluss in Europa um 20 Uhr (MEZ) bekannt. Yellen erläutert die Beschlüsse ab 20.30 Uhr (MEZ).

PREIS FÜR BRENT NÄHERT SICH DEM TIEF VON 2008



Neben dem Zinsentscheid der Fed sorgte auch der Preisverfall am Ölmarkt für Unsicherheit. Nordseeöl der Sorte Brent verbilligte sich um 2,8 Prozent auf 37,37 Dollar je Fass (159 Liter). Damit nähert er sich dem Tief von 2008, als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ein Barrel mit 36,20 Dollar so wenig wie zuvor im Juli 2004 gekostet hatte. Viele Analysten vermuten, dass die Marktteilnehmer dieses Tief testen wollen. Wegen des weltweiten Überangebots angesichts des Schieferölbooms in den USA hat sich der Ölpreis seit Mitte 2014 mehr als halbiert. Zudem schwächelt die Nachfrage infolge der mauen Weltkonjunktur.

Vor allem die Wirtschaft in China - dem größten Rohstoffkonsumenten - verliert derzeit an Schwung. Die Zentralbank des Landes prognostizierte am Mittwoch, dass das Bruttoinlandsprodukt 2016 wohl nur noch um 6,8 Prozent zulegen wird. Sie ist damit aber noch optimistischer als der Internationale Währungsfonds, der nur ein Plus von 6,3 Prozent für möglich hält. Auch die chinesische Landeswährung ist unter Abwärtsdruck geraten: Ein Dollar markierte am Mittwoch ein frisches Viereinhalb-Jahres-Hoch von 6,4733 Yuan.

VORWEIHNACHTLICHE RUHE AUF DER UNTERNEHMENSSEITE



Unter den Einzelwerten gab es nur wenige Ausreißer. Im TecDax führten Carl Zeiss Meditec die Gewinnerliste mit einem Plus von 6,2 Prozent an. Der Medizintechnikanbieter hatte sein Ergebnis stärker als erwartet gesteigert. Für Dialog Semiconductor ging es auch am Tag nach der Prognosesenkung bergab: Die Titel verloren vier Prozent. In Kopenhagen stiegen Vestas nach einem Großauftrag um 6,5 Prozent.

Reuters