Die Regierung dementierte Berichte über eine bevorstehende Ausgangssperre. Das Robert-Koch-Institut warnte angesichts rapide steigender Zahlen vor bis zu zehn Millionen Infizierten bis Juni, wenn die Menschen sich nicht an die Abstands- und Hygieneregelungen hielten. RKI-Chef Lothar Wieler räumte aber ein: "Es ist offensichtlich, dass der jetzige Zustand nicht auf Dauer aufrechterhalten werden kann." Finanzminister Olaf Scholz stellte Firmen direkte Finanzspritzen in Aussicht, etwa um Mieten zu zahlen. Arbeitsminister Hubertus Heil twitterte: "Wir wollen, dass keiner seine Existenz tatsächlich verliert."

Die Virus-Infektionen beschleunigen sich inzwischen laut RKI rasant: "Wir haben ein exponentielles Wachstum. Wir sind am Anfang einer Epidemie, die noch viele Wochen und Monate unterwegs sein wird", sagte RKI-Chef Wieler. Derzeit seien gut 8000 Menschen infiziert. "Wir sind ein bis zwei Wochen vor Italien", sagte er mit Blick auf das Land mit den meisten Infektionen nach China. Die Zeit müsse genutzt werden.

Offenbar daher will sich erstmals in ihrer Amtszeit Kanzlerin Angela Merkel außerhalb der Neujahrs-Ansprache im Fernsehen direkt an die Menschen wenden. "Es geht nicht um neue Maßnahmen", betonte ein Regierungssprecher. "Es geht um das, was in Deutschland jetzt zu tun ist, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, und wie jeder sich daran beteiligen soll." Der Familienminister von Nordrhein-Westfalen, Joachim Stamp, schließt eine Ausgangssperre dagegen nicht aus. "Das wird von der Disziplin der Bürgerinnen und Bürger abhängen, und das ist auch keine Maßnahme, die man isoliert als einzelnes Bundesland machen kann." Hierzu sei der Ministerpräsident im Austausch mit anderen Ländern.

ALTMAIER UND HEIL TREFFEN ARBEITGEBER UND GEWERKSCHAFTEN


Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Arbeitsminister Heil trafen sich am Nachmittag mit Vertretern von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. "Wir reden mit den Arbeitgebern auch darüber, wie wir Lohnlücken schließen und Kaufkraft sichern können", sagte Heil vor dem Gespräch im ARD-Morgenmagazin. Es werde auch einen Nothilfefonds geben, durch den existenziell Gefährdete wie Kleinstselbständige ein soziales Sicherungsnetz erhalten sollen. Wie zahlreiche andere Großveranstaltungen wurde auch die Luftfahrtshow ILA in Berlin im Mai abgesagt.

Zahlreiche Firmen sind einer Untersuchung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) schlecht gerüstet für eine Rezession. "Viele Unternehmen starten trotz einer langen Phase der Hochkonjunktur mit schlechten Voraussetzungen in die vielleicht größte wirtschaftliche Krise der Nachkriegsgeschichte", sagt Creditreform-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch. Zehn Prozent selbst der etablierten Firmen habe eine schwache Kreditwürdigkeit.

SPANIEN UND FRANKREICH SPRECHEN VON "KRIEG" GEGEN DAS VIRUS


Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez sprach vor einem fast leeren Parlament von einem "Krieg" gegen das Virus. Diese Wortwahl hatte auch Frankreichs Präsident Emanuell Macron benutzt. Die spanische Wirtschaft wird nach Einschätzung von Sanchez trotz des über 300 Milliarden Euro schweren Hilfspakets schrumpfen. "Das Jahr 2020 werde nicht zwölf Monate haben, sondern zehn oder vielleicht sogar nur neun." Mit fast 500 Todesfällen, die am Dienstag bestätigt wurden, ist Spanien nach Italien in der EU am stärksten von der Epidemie betroffen.

Frankreich ist nach Angaben von Finanzminister Bruno Le Maire bereit, Unternehmen in der Krise notfalls zu verstaatlichen. Er werde noch am Mittwoch mit den Vorstandschefs der Autobauer Renault und PSA zusammenkommen, sagte Le Maire.

Angesichts weiter einbrechender Börsen wollen die Währungshüter der EU offenbar die Märkte stabilisieren. Damit wolle das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) geregelte Bedingungen an den Anleihemärkten sichern, heißt es in italienischen Notenbankkreisen. Das ESZB besteht aus der EZB und den nationalen Zentralbanken aller Staaten der Europäischen Union.

Obwohl die Infektionszahlen in China seit einiger Zeit sinken, steht das Land nach Worten von Präsident Xi Jinping vor neuen Herausforderungen. Die Wirtschaft stehe immer mehr unter Druck, sagte er bei einer Sitzung des Politbüros. Das Land dürfe nicht zulassen, dass sich die Tendenz zur besseren Eindämmung des Virus ins Gegenteil verkehre.

rtr