Auch Genies irren von Zeit zu Zeit. Der spätere Nobelpreisträger Paul Krugman sagte etwa im Jahr 1998: "Das Internet wird auf die Wirtschaft nicht mehr Einfluss haben als das Faxgerät." Das zeigt: Prognosen waren und sind naturgemäß eine schwierige und riskante Angelegenheit. Wenn Experten freilich zu häufig danebenliegen, leidet die Glaubwürdigkeit.

Der Goldpreis hat in den vergangenen zehn Jahren mehrere wilde Sprünge gemacht, oft in die entgegengesetzte Richtung als von Experten prophezeit: 2011 und 2020 erklomm der Rohstoff jeweils einen neuen Höchstwert von knapp unter (2011) und etwas mehr als 2000 Dollar (2020) je Feinunze. Zwischen diesen beiden Hochs brach der Kurs aber auch um fast die Hälfte ein. 2015 notierte das Lieblingsedelmetall der Deutschen für kurze Zeit nur noch knapp über der Marke von 1000 Dollar.

Vor allem auf dem Höhepunkt der Euro-Krise ließen sich offenbar viele Analysten von dem stark steigenden Goldpreis mitreißen und riefen im Rückblick absurd anmutende Kursziele auf. Die Deutsche Bank etwa schrieb im September 2011: "Sollte die hohe Unsicherheit an den internationalen Finanzmärkten anhalten, könnte der Preis des gelben Edelmetalls im Verlauf der kommenden 18 Monate zeitweise bis auf 2900 US-Dollar je Feinunze steigen". Im März 2013, also 18 Monate später, war Gold nur noch rund 1600 Dollar wert.

Auch andere Gold-Experten kannten zum Teil kein Halten mehr: Die Bank of America sagte für 2014 einen Goldpreis von 2400 Dollar voraus, ein kanadischer Vermögensverwalter, Mason Placements, rief sogar ein Kursziel von 10 000 Dollar auf. Die Bank Standard Chartered und der Vermögensverwalter Schroders, beide mit Sitz in London, hielten einen Goldpreis von 5000 Dollar bis 2020 für möglich. Fairerweise muss man sagen, dass Gold-Prognosen ähnlich wie Wettervorhersagen immer unschärfer werden, je weiter sie in die Zukunft blicken. Trotzdem: Für Anleger macht es einen großen Unterschied, ob sich der Goldpreis innerhalb von zehn Jahren vervierfacht - oder sich zwischenzeitlich halbiert.

Warum sind Gold-Prognosen so schwierig?


Eine der Hauptursachen ist, dass Gold in der Industrie nicht besonders nachgefragt wird. Weniger als zehn Prozent des weltweiten Bedarfs werden beispielsweise für Elektronikteile oder Infrarot-Strahler verarbeitet. Viel wichtiger ist Gold für private Anleger in Form von Schmuck, Münzen oder Barren, den Rest teilen sich professionelle Investoren und Zentralbanken untereinander auf. Das Verhalten dieser drei sehr unterschiedlichen Gruppen vorauszusehen, ist bestenfalls kompliziert, manche meinen gar unmöglich. Der ehemalige Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, gab etwa 2013 zu, dass "niemand den Goldpreis wirklich versteht und ich auch nicht vorgeben will, ihn wirklich zu verstehen".

Haben die Analysten aus ihren Fehlern gelernt? Vielleicht ein wenig. Zumindest gibt es für die nächste Zeit nur wenige wilde Ausreißer-Prognosen nach oben oder unten. Die meisten Experten erwarten im Schnitt bis Ende 2022 einen Goldpreis von etwa 1800 US-Dollar je Feinunze - das entspricht ungefähr dem aktuellen Kurs. Die Zurückhaltung mag aber auch daran liegen, dass der Preis für Gold seit Monaten tendenziell sinkt. Sollte mit der nächsten Corona-Welle im Herbst die wirtschaftliche Erholung aber stocken oder die Inflation weiter anziehen, könnte sich das schnell wieder ändern. Verbraucher sollten vorbereitet sein, und sich weder von Hurra- noch Horrorprognosen mitreißen lassen.

Anmerkung: Dieser Text erschien in ähnlicher Form bereits in der Süddeutschen Zeitung.