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Interview: "Robos sind nur für Finanzaffine"

Interview:

WKN: 840400 ISIN: DE0008404005 Allianz

222,85 EUR
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24.02.2020 - 19:44
10.11.2019 20:00:12

Mittels automatisierter Vermögensverwaltung wurden in Deutschland bislang nur gut vier Milliarden Euro angelegt. Warum es nicht längst deutlich mehr ist und wo es noch Potenzial gibt, erklärt Jochen Werne, Experte in Fragen künstlicher Intelligenz. Von Bernhard Bomke

Wer mittels Robo-Advisor Geld anlegen will, kann hierzulande trotz insgesamt nur mäßiger Geschäftsvolumina unter einer Fülle von Anbietern auswählen. Marktführer mit einem digital verwalteten Vermögen von mehr als 1,5 Milliarden Euro ist Scalable Capital. Ab Anfang November kommt mit Moneyfarm ein neuer Akteur hinzu.

Der Anbieter aus Italien, der bislang einzig ebendort und in Großbritannien aktiv war, will in Deutschland nach den Plänen von Unternehmensgründer Giovanni Daprà perspektivisch unter die Top 3. Hilfreich soll dabei der Zugang zu Fonds von Allianz Global Investors (AGI) sein, einer Tochter des Versicherungsriesen Allianz. Bei den auf die einzelnen Anleger zugeschnittenen Robo-Portfolios sollen diese Fonds, die ansonsten institutionellen Großinvestoren vorbehalten sind, ein Gewicht von bis zu etwa einem Drittel haben dürfen.

Doch ganz gleich, ob sich die Robo-Advisor auf ETFs konzentrieren oder auch Fonds beimischen: Anleger, die sich dieser automatisierten Form der Geldanlage anvertrauen, sollten finanzaffin sein und auch Verluste gut aushalten können, sagt Jochen Werne. Er leitete bislang das Innovationsteam beim Münchner Bankhaus August Lenz und wechselt in Kürze als Chief Development & Chief Visionary Officer in die Geschäftsleitung des bankennahen Sicherheitsdienstleisters Prosegur. Der Banker ist auch Mitglied der Initiative "Lernende Systeme - die Plattform für künstliche Intelligenz", in der sich unter anderem Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik mit Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz befassen. Die Plattform wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.


Börse Online: Herr Werne, das Geschäft mit Robo-Advisor kommt auch sechs Jahre nach Einführung in Deutschland nicht vom Fleck. Woran liegt das?
JOCHEN WERNE: Robo-Advisor sind mit großen Vorschusslorbeeren gestartet. Das Marketing erweckte den Eindruck, die Robos könnten alles besser. Dabei wurde nicht darauf geachtet, wie die Kunden eigentlich zu dieser neuen Art der Finanzdienstleistung stehen. Heute müssen wir feststellen: Die Kunden wurden - anders als in den USA - ganz offensichtlich nicht mitgenommen. Also gibt es auch nicht so viel Anlagevolumen mit Robos wie gedacht.

2018 machten die Robos ganz ähnliche Verluste wie Investoren, die selbst oder über einen Vermögensverwalter Geld in Indexfonds (ETFs) gesteckt haben. Das wird Anleger nicht gerade in Scharen zu Fans dieser automatisierten Form der Vermögensverwaltung machen.
Robo-Advisor können gar nicht besser abschneiden, denn nicht nur sie nutzen technische Lösungen, um Anlageentscheidungen zu treffen. Vermögensverwalter agieren ebenso. Insofern ist das vergleichbare Minus im vergangenen Jahr nicht verwunderlich. Ich glaube dennoch, dass es hierzulande einen Markt für die Robos gibt. Nur ist er nicht so groß wie vermutet. Deutliche Zuwächse könnte es geben, wenn die Zielkunden klar definiert und von den Banken dann auch konsequent in Richtung Robo-Advisory gelenkt würden.

Dazu haben die Banken womöglich gar keine Lust, weil sie sich so ihr einträgliches Geschäft mit klassischer Vermögensberatung kaputtmachen würden.
Die gegenseitige Kannibalisierung der Geschäftsfelder wird in den Banken tatsächlich stark diskutiert. Die Frage ist, ob es den Geldhäusern gelingt, neue Zielgruppen zu finden, die als preissensible Robo-Advisor-Kunden hinzukommen, ohne dass das klassische Beratergeschäft wegbricht.

Für welchen Typus Anleger sind Robo-Advisor geeignet?
Er sollte auf alle Fälle finanzaffin und bestenfalls auch etwas technikaffin sein. Zudem muss er das Selbstbewusstsein mitbringen, sich selbst um seine Finanzen kümmern zu wollen. Aufgrund der geringeren finanziellen Einstiegshürde sind Robos auch für jene geeignet, die erste Erfahrungen mit Vermögensberatung machen möchten.

Und wer sollte vom Robo-Advisor besser die Finger lassen?
Diejenigen, die einen Finanzberater haben und diesen auch brauchen, weil sie mit Verlusten nur schwer umgehen können. Wer in Gelddingen zu emotional reagiert, sollte davon absehen.

Können Robos eigentlich irgendwas besser als Menschen?
Sie sind vor allem preisgünstig. Die Robos investieren überwiegend in ETFs, haben keinen teuren Serviceapparat und sind ein gutes Standardprodukt mit etwas Service.

Die künstliche Intelligenz scheint Riesenfortschritte zu machen. Könnten Robo-Advisor demnächst schlauer werden als Menschen und die besseren Anlageentscheidungen treffen?
Wir müssen unterscheiden. Robo-Advisor analysieren genau wie klassische Vermögensberater meist mittels statistischer Auswertungen. Nur weil bei Robo-Advisory oft auch von Algorithmen gesprochen wird, ist dies nicht mit künstlicher Intelligenz gleichzusetzen. Künstliche Intelligenz kann Zusammenhänge gut aufzeigen, die in großen Datenmengen teilweise verborgen sind. Es wird noch sehr lange dauern, bis Maschinen bei Anlagethemen etwas besser können als Menschen. Die Entscheidung, ob man konkret Geld investiert, liegt trotz aller Technik, die uns helfen soll, beim In- vestmentmanager oder beim Kunden. Und das ist auch gut so.


Bildquelle: iStock

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