Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der EU und Mitglied der G-7-Staatengruppe. Das Land ist zudem mit 154 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Wer Italien regiert, welche wirtschafts- und fiskalpolitischen Entscheidungen getroffen werden, wird daher in den übrigen EU-Ländern und der Europäischen Zentralbank genau verfolgt.

Auch die Investoren wissen um die Bedeutung Italiens. Heftige politische Turbulenzen in Rom können nicht nur die Kurse italienischer Aktien drücken. Korrekturen drohen dann auch europaweit. Ebenso werden Anleiheinvestoren nervös. Eine stabile Regierung mit wirtschaftlichem Reformeifer dagegen zieht Anleger an.

Geld aus Brüssel

In den vergangenen zwölf Monaten legte die Börse in Mailand um 25 Prozent zu. Der FTSE MIB schnitt damit deutlich besser ab als der deutsche DAX. Auch italienische Anleihen sind gesucht. Für das vor Kurzem aufgelegte, bis zum Jahr 2052 laufende Staatspapier im Volumen von sieben Milliarden Euro lagen Orders in Höhe von 55 Milliarden Euro vor. Das Vertrauen der Anleger ist in hohem Maß das Verdienst Mario Draghis. Der frühere Chef der EZB führt seit Februar vergangenen Jahres als Ministerpräsident ein Sechs-Parteien-Bündnis an. Unter seiner Regie hat Italien die Bedingungen für den Erhalt der 191 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds erfüllt. Die Mittel will die Regierung für dringend notwendige Reformen in der Verwaltung, für ein effizienteres Steuersystem, für Infrastrukturreformen und für grüne Projekte verwenden.

Draghis seriöser Politikstil, sein Ziel, Italien nach einer lange Phase der Stagnation wettbewerbsfähiger zu machen, stärkt die Investitionsbereitschaft der Unternehmer und sorgt für Beschäftigung. Im vergangenen Jahr legte das Bruttoinlandsprodukt um sechs Prozent zu. Für das laufende Jahr werden vier Prozent erwartet. Die Erholung motivierte den britischen "Economist", Italien zum Land des Jahres 2021 zu küren.

Ob die Erfolgsstory eine Fortsetzung findet, ist jedoch unsicher. Italiens Parlamentarier wählen Ende Januar einen neuen Staatspräsidenten. Der 85-jährige frühere Premier Silvio Berlusconi kandidiert. Endgültig klar ist es noch nicht, aber auch der 74-jährige Draghi wird voraussichtlich antreten. Sollte er gewinnen, muss ein neuer Ministerpräsident gefunden werden. Chancen werden unter anderem Finanzminister Daniele Franco eingeräumt.

Doch kann ein Nachfolger Draghis die aktuelle Koalition bis zum Wahltermin im kommenden Jahr zusammenhalten? Die Sorge der Investoren: Die Rechtsparteien Lega, Brüder Italiens und die Forza Italia von Berlusconi streben vorzeitige Neuwahlen an und gewinnen. Italiens Mitgliedschaft in der Eurozone könnte dann infrage gestellt werden. Dies hätte schwere Marktverwerfungen zur Folge, warnen laut Project Syndicate die beiden Ökonomen Nouriel Roubini und Brunella Rosa.

Titel mit Potenzial

So kann, muss es aber nicht kommen. Die Mittel aus dem EU-Wiederaufbaufonds werden nicht auf einmal ausbezahlt, sondern fließen nur dann, wenn zuvor vereinbarte Reformziele auch tatsächlich erreicht werden. Den Geldsegen aus Brüssel zu gefährden plus einen starken Anstieg der Zinskosten zu verantworten, das kann sich selbst eine populistische Regierung kaum leisten. Auch wenn die politischen Risiken nach der Präsidentenwahl steigen: Eine mögliche Kurskorrektur nutzen mutige Anleger zum Nachkaufen. Eine ganze Reihe italienischer Aktien bietet weiterhin Potenzial. Goldman Sachs rät beispielsweise zum Kauf des Öl- und Gaskonzerns Eni. Ferrari wiederum ist für Morgan Stanley der Top-Pick in der Branche E-Automobilhersteller. Zacks Equity Research wiederum sieht Chancen beim Bankhaus Unicredit.

Anleger können sich auch breit gestreut am Stiefel engagieren: Der iShares FTSE MIB ETF umfasst 40 Werte. Mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von um die 19 sind die Titel im ETF nicht mehr günstig, aber auch noch nicht zu teuer.
 


INVESTOR-INFO

iShares FTSE MIB ETF

Mailänder Spitzen

Der Exchange Traded Fund bildet die Entwicklung des italienischen Börsenbarometers FTSE MIB ab. Der Index umfasst 40 Positionen. Finanzwerte wie Unicredit, Intesa Sanpaolo und Assecurazoni Generali sind mit knapp 30 Prozent gewichtet. Versorger wie Enel bringen es auf 20 Prozent, auf Konsumwerte wie beispielsweise Moncler entfallen rund 19 Prozent. In den vergangenen fünf Jahren legte der ETF 40, innerhalb eines Jahres 21 Prozent zu.