Linde-Anteilseigner dürfte diese Nachrichten freuen: Der weltgrößte Industriegasekonzern trotzt der Corona-Pandemie. Das Unternehmen schraubte die Gewinnprognose für das laufende Jahr am Donnerstag erneut nach oben. Bereits im Mai rechnete Linde mit einem höheren Überschuss als im Jahr zuvor - und es soll noch mehr drin sein. Erwartet wird nun ein Gewinn je Aktie zwischen 8,05 und 8,10 (bisher 7,60 bis 7,80) Dollar, das wären rund zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor (7,34 Dollar je Aktie). Analysten hatten nach Refinitiv-Daten bisher für 2020 im Schnitt mit 7,79 Dollar Gewinn je Aktie gerechnet.

Im dritten Quartal stieg der bereinigte operative Gewinn um neun Prozent auf 1,52 Milliarden Dollar. Der Umsatz lag mit knapp 6,9 Milliarden Dollar um zwei Prozent unter Vorjahr - hier hatte vor allem ein Umsatzrückgang in Amerika belastet. Einen Großteil der Umsätze und Gewinne erwirtschaftet der DAX-Konzern in Amerika, jeweils gut 20 Prozent stammen aus Europa und Asien.

Auf Profitabilität getrimmt


Seit dem Zusammenschluss der Linde AG mit Praxair trimmt Vorstandschef Steve Angel den Konzern auf Profitabilität. Im deutschen Gasegschäft möchte er rund 834 der rund 7.000 Stellen abbauen. Ob Linde über die in Deutschland mit der IG Metall vereinbarten Arbeitsplätze hinaus weitere Jobs streicht, hängt jüngsten Äußerungen des Konzernlenkers zufolge von der wirtschaftlichen Entwicklung ab.

Die Wachstumschancen von Linde seien jedoch wegen eines hochwertigen Projektbestands, defensiver Endmärkte und des Trends zu einer sauberen Luft weiter stark. Angel zeigte sich zuversichtlich, dass Linde in jedem Umfeld die Ergebnisse steigern könne.

Geschäft mit Wasserstoff wird stark ausgebaut


Nicht zuletzt wegen des Wasserstoff-Hypes kann Angel zuversichtlich in die Zukunft blicken. Der Konzern möchte das Geschäft mit Wasserstoff stark ausbauen. Laut Angel erzielt der Gasekonzern schon heute mehr als zwei Milliarden Dollar Umsatz mit Produktion, Vertrieb, Speicherung und Anwendung von Wasserstoff. "Und angesichts der erwarteten Investitionsvorhaben von mehr als 100 Milliarden Dollar denke ich, dass sich unser Wasserstoffgeschäft in Zukunft vervierfachen könnte", sagte er. Gerade bei großen Transportmitteln wie Lastwagen, Zügen, Fähren und Bussen werde sich Wasserstoff durchsetzen.

Deshalb steigt der DAX-Konzern jetzt in Kalifornien in die Produktion von Wasserstoff aus erneuerbarer Energie ein. Damit könne man dort bis zu 1.600 Fahrzeuge CO2-neutral fahren, so der Weltmarktführer für Wasserstoff. Linde betreibt weltweit 80 Wasserstoff-Fabriken und rechne mit einer wachsenden Nachfrage nach klimafreundlich erzeugten Wasserstoff. "Grauen" Wasserstoff erzeugt Linde im kalifornischen Werk Ontario aus Erdgas, "grünen" Wasserstoff nun aus Methan aus einer Mülldeponie.

Einschätzung der Redaktion


Die Q3-Zahlen und die erneut angehobene Gewinnprognose kamen am Markt gut an. Die Linde-Aktie stieg um rund 3,5 Prozent. Charttechnisch gesehen läuft es für das Papier mehr als rund. Seit Jahresbeginn haben die Anteilsscheine trotz des Corona-Einbruchs um mehr als vier Prozent zugelegt. Die viel beachtete 200-Tagelinie notiert bei rund 188 Euro und verläuft seit Anfang Juli wieder aufwärts.

Die 200-Tagelinie geht bei Linde meistens nach oben - nur während des Corona-Crashs von März bis Ende Juni verlief sie seitwärts. Denn wie der gesamte deutsche Aktienmarkt musste auch die Linde-Aktie im März ordentlich Federn lassen. Der Kurs rutschte um 37 Prozent auf 130,45 Euro. Mit dem Rückschlag auf das tiefste Niveau seit Herbst 2018 wurde ein Großteil der seit Frühjahr gleichen Jahres laufenden Rally in kürzester Zeit wieder zunichtegemacht. Doch der Einbruch sollte nur von kurzer Dauer sein: Das Papier hat sich mittlerweile von dem Crash wieder erholt.

Die Linde-Aktie zählt im deutschen Leitindex DAX zu den Anleger-Lieblingen - nicht zuletzt wegen dem Zusammenschluss der beiden Konzerne Linde und Praxair. Dieser hat sich für die Investoren bisher mehr als ausgezahlt. Seit Ende Oktober 2018 wird die Aktie des fusionierten Unternehmens Linde Plc im DAX gehandelt und hat seitdem mehr als ein Drittel gewonnen - damit liegt das Papier in diesem Zeitraum im Spitzenfeld. Linde ist mit einem Börsenwert von derzeit 106 Milliarden Euro nach dem Softwarekonzern SAP (116 Milliarden Euro) die Nummer zwei im deutschen Leitindex.

Wir belassen die Aktie weiterhin bei Kaufen - vor allem das Geschäft mit dem Wasserstoff sehen wir als großen Vorteil für die Zukunft. Auch die meisten von dpa befragte Analysten schätzen das Papier positiv ein: Acht Experten sprechen sich für einen Kauf aus, nur zwei sagen Halten. Niemand empfiehlt, die Aktie zu verkaufen.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 250,00 Euro
Stoppkurs: 165 Euro

Mit Material von dpa-AFX