Als Helmut Schmidt im Herbst 1979 im Bundestag bekannte, er verstehe seine Stromrechnung nicht, war er damit nicht allein. Schmidt, seinerzeit Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland im sechsten Amtsjahr, teilte sein Schicksal mit wahrscheinlich 99 Prozent der Bevölkerung. Die Aneinanderreihungen von Ziffern und Buchstaben auf den jährlichen Abrechnungen der Stromversorger waren für Verbraucher kaum zu entschlüsseln - weder mit Schnaps noch ohne. Mittlerweile dürfte der Anteil derer, die vor ihrer Stromrechnung kapitulieren, viel niedriger liegen. Einer der Gründe: Die Bundesnetzagentur wacht darüber, dass die jährlichen Aufstellungen von Verbrauch und Kosten einfach und verständlich gehalten sind.

Das ist gut für die Kunden, denn sie gewinnen dadurch Zeit, die sie vielleicht dazu nutzen, sich nach einem anderen Stromanbieter umzusehen, der günstigere Tarife bietet. Ein Preisvergleich lohnt sich in Deutschland allein schon deswegen, weil hier die potenzielle Fallhöhe bei den Strompreisen höher ist als in anderen Ländern Europas. Laut Eurostat, dem Europa-Pendant des Statistischen Bundesamts, kostete eine Kilowattstunde Strom hierzulande 2020 im Schnitt 30,34 Cent. Das war Europa-Rekord. Im EU-Durchschnitt waren es 21,27 Cent. In Norwegen, dem Land der Wasserkraft, in dem ansonsten alles teuer ist, zahlten die Stromkunden nur 13,55 Cent pro Kilowattstunde. Verbraucher in Deutschland können also vergleichsweise stark davon profitieren, wenn sie auf dem generell hohen Strompreisniveau wenigstens einen der etwas günstigeren Anbieter wählen.

Apropos Norwegen: Von dort beziehen deutsche Ökostromanbieter ganz gern Herkunftsnachweise, um in Deutschland Ökostrom anbieten zu können. Für solchen Strom aus regenerativen Quellen (Wind, Sonne, Wasser, Biogas, Geothermie) interessierten sich nach einer repräsentativen Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbands bereits im Herbst 2019 gut zwei Drittel der Befragten. Neben der Suche nach einem günstigeren Anbieter könnte also auch eine Ausschau nach Ökostrom eine Tätigkeit sein, für die Stromkunden die dank verständlicherer Rechnungen gewonnene Zeit nutzen.

Es ist also gewiss kein Zufall, dass allgemeine Strompreise und insbesondere solche für Ökostrom Kernelemente des ersten Tests "Bester Stromanbieter" sind, mit dem €uro am Sonntag das Deutsche Kundeninstitut (DKI) beauftragt hat. Wir wollten wissen, bei welchem Anbieter von Strom und/oder Ökostrom die Verbraucher am günstigsten fahren. Dabei legten wir Wert darauf, nicht nur bundesweit oder zumindest in weiten Landesteilen agierende Stromanbieter zu betrachten, sondern auch einige der größten Stadtwerke Deutschlands. Stadtwerke bieten ihren Strom üblicherweise nur regional an. Anbieter wie Hamburg Energie sind da hinsichtlich ihres Aktionsradius eine Ausnahme. Die Reichweite der Hanseaten geht im Süden bis kurz vor Hannover und im Norden bis kurz vor Kiel.

Ökostromtarife haben die Mehrheit

Das DKI testete 19 der größten Stromanbieter Deutschlands und sieben Stadtwerke. Auffällig: Das Institut stieß auf deutlich mehr Ökostromtarife als auf klassische Stromangebote. Konkret: Nur sieben der 19 gecheckten Anbieter haben einen klassischen Stromtarif im Programm, aber 18 der 19 Unternehmen bieten Ökostromtarife. Ein Zeichen für die stark gestiegene Nachfrage nach Strom, der regenerativ erzeugt wird. Bei den Stadtwerken sieht es so aus: Alle sieben haben Ökostromtarife im Angebot, nur drei auch einen klassischen Tarif für Strom, der zum Beispiel aus Steinkohle, Braunkohle, Gas oder Uran (Atomenergie) erzeugt wird.

Der Test umfasst die Kategorien Konditionen, Angebot und Kundenservice. Das Preis-Leistungs-Verhältnis (bestes Angebot zum jeweils geforderten Preis) floss nicht eigens in die Gesamtwertung ein. Herzstück der Erhebung sind die konkreten Preise für Strom und/oder Ökostrom, die die Anbieter für sieben Musterfälle berechnen. Daraus wurde ersichtlich, wie hoch das Einsparpotenzial wäre, wenn Kunden anstelle des teuersten Anbieters den günstigsten wählten. Es wurden die Stromkosten fürs erste und zweite Vertragsjahr abgefragt. Der Grund: Im ersten Jahr gewähren viele Anbieter Boni, mit denen sie neue Kunden anlocken. Ab dem zweiten Jahr zeigt ein Vergleich klarer, wie hoch die Stromkosten auf längere Sicht ausfallen würden. Da wir Letzteres aus der Perspektive langfristig kalkulierender Kunden für aussagekräftiger halten, finden Sie in der großen PDF-Tabelle unten einzig die Tarife fürs zweite Vertragsjahr.

Vorn: Entega/Stadtwerke Duisburg

Testsieger sind der Stromanbieter Entega und die Stadtwerke Duisburg. Während Entega der beste unter fünf Anbietern ist, die mit der Gesamtnote "sehr gut" abschnitten, sind die Duisburger das einzige Stadtwerk, das ein "sehr gut" schaffte. Ein Hinweis für Leser, die sich ausschließlich für Ökostrom interessieren: Hätten wir den Test auf Ökostrom beschränkt, wären die Gesamtwertungen ganz ähnlich ausgefallen. Aus der Spitzengruppe wäre einzig Eon von einem "sehr gut" auf ein "gut" zurückgefallen. Und Enstroga wäre gar nicht dabei, weil es im Test der einzige Anbieter ohne Ökostromtarif ist.

Champion Entega überzeugte unter anderem mit einer Preisgarantie für zwölf Monate. Zudem punktete das Unternehmen mit Neukundenboni, die je nach Musterfall zwischen fünf und 285 Euro betragen und zu besonders günstigen Gesamtpreisen im ersten Jahr beitragen. Insbesondere bei den Musterfällen mit hohem Stromverbrauch. Das Angebot, das einzig Ökostrom umfasst, erstreckt sich auf neun verschiedene Tarife. Verträge können telefonisch, online, in Filialen oder Kundencentern abgeschlossen werden, und es gibt eine App. Beim Kundenservice erreichte Entega ein "gut". Dazu trugen zufriedenstellende Bewertungen hinsicht- lich Kompetenz, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit bei Telefonanfragen bei. Auf E-Mails reagierte Entega überdurchschnittlich freundlich.

Die Stadtwerke Duisburg waren im Test das einzige Stadtwerk, das einen Neukundenbonus anbietet. Das führte im jeweils ersten Jahr zu so günstigen Tarifen, dass dieser Vorteil stärker ins Gewicht fiel als der Umstand, dass die Duisburger im zweiten Jahr durchweg am teuersten sind. Positiv wurde gewertet, dass es acht verschiedene Tarife gibt, darunter neben Ökostrom- auch klassische Stromtarife, und dass ein Berater auf Wunsch Kunden besucht, die vielleicht nicht nur auf Social-Media- Chichi, Online und Apps stehen.

Auffällig im Kundenservice: Die Stadtwerke Duisburg beantworteten jede Testanfrage per E-Mail, und auf der Website finden sich unter anderem Tipps zum Energiesparen. So etwas ist zwar kundenfreundlich, aber nicht selbstverständlich - zumal Energiesparen im Ergebnis zu weniger Umsatz des Anbieters führen würde.

Greenpeace Energy, der Anbieter unter dem Dach der Umweltschutzorganisation Greenpeace, die bei der Fußball-EM eine Bruchlandung in der Münchner Allianz Arena hinlegte, schnitt im Test vor allem deswegen am schlechtesten ab, weil das Angebot mit "mangelhaft" bewertet wurde. Wesentliche Gründe: Es gibt bei dem Stromanbieter keine Preisgarantien, keine Neukundenboni, keine Prämien beim Tarifwechsel und auch keine App. Auch ein Sonderkündigungsrecht bei Preiserhöhungen wird nicht eingeräumt.

Noch ein paar Auffälligkeiten. So sehr die regionalen Stadtwerke Kundennähe demonstrieren, indem fünf von sieben analoge Hausbesuche anbieten, so sehr reagierten immerhin zwei Stadtwerke auf keine der Testmails. 14 Anbieter und fünf Stadtwerke gewähren auch Bestandskunden Preisgarantien, Eon mit bis zu 30 Monaten am längsten. Die Hotline-Mitarbeiter von Polarstern sowie von Hamburg Energie und der Berliner Stadtwerke fielen als am meisten kompetent auf. Eine Eigenschaft, bei der der belesene Helmut Schmidt vermutlich sehr auf Empfang sein würde.

 


So wurde gewertet:

Beim ersten Test "Bester Stromanbieter" nahm das Deutsche Kundeninstitut (DKI) 19 Anbieter von Strom und/oder Ökostrom sowie sieben Stadtwerke unter die Lupe. Die Anbieter wurden auf etwa 220 Einzelkriterien getestet. Geprüft wurden die Konditionen, das Angebot und der Kundenservice. In jeder Kategorie sowie in der Gesamtwertung waren jeweils 100 Punkte zu erreichen, mit Bonuspunkten vergab das Düsseldorfer Institut auch noch ein paar mehr.

Konditionen (50 Prozent Gewicht an der Gesamtwertung): Hier rief das DKI für sieben definierte Musterfälle die günstigsten Strom- und/oder Ökostromtarife ab, und zwar fürs erste und zweite Vertragsjahr. Der Grund: Viele Anbieter locken mit Boni für Neukunden, die in der Regel nur im ersten Jahr gewährt werden. Ab dem zweiten Jahr lassen sich die "echten" Strompreise vergleichen. Gecheckt wurden bei den Musterfällen auch Aspekte wie die Länge von Preisgarantien, die Kündigungsfrist sowie die minimale und maximale Vertragslaufzeit.

Angebot (30 Prozent): Das DKI interessierte sich hier unter anderem für die Anzahl der Tarife, Preisgarantien und Sonderkündigungsrechte.

Kundenservice (20 Prozent): Mit Testanrufen und -Mails wurde geprüft, wie schnell, freundlich und kompetent die Anbieter sind. Im Check zudem: die Nutzwertigkeit der Websites und das Treiben auf Social Media.

Hier finden Sie sieben Musterfälle: So viel Geld können Sie bei der Wahl des günstigsten Stromanbieters sparen