ANLEIHEN UNTER DER LUPE

Pimco-Interview: Nachhaltigkeit weitergedacht

Pimco-Interview: Nachhaltigkeit weitergedacht
02.02.2020 14:30:00

Der Pimco-Fondsmanager Ketish Pothalingam über den Unterschied zwischen SRI und ESG und die nächste Stufe grüner Bonds. Von Andreas Hohenadl, Euro am Sonntag

Der Anleihespezialist Pimco gehört zu den aktivsten Vermögensverwaltern, wenn es darum geht, Einfluss auf Unternehmen bei Umweltfragen auszuüben. Das bestätigte erst kürzlich eine in der "Financial Times" veröffentlichte Auswertung. Bereits 1991 brachte der Fondsanbieter einen der ersten nachhaltigen ­Anleihefonds auf den Markt. ­Solche Vehikel liefen unter dem Kürzel SRI (socially responsible investing). Heute ist viel von ESG (Environment, Social, Governance) die Rede. Wohin die weitere Reise in puncto nachhal­tigem Investieren geht, erklärt Fondsmanager und ESG-Exper­te Ketish Pothalingam.

€uro am Sonntag: Herr ­Pothalingam, wer nachhaltig investieren will, stößt auf verschiedene Kürzel. Manchmal ist von SRI die Rede, in letzter Zeit immer häufiger von ESG. Worin liegen die Unterschiede?

Ketish Pothalingam: ESG ist die Weiterentwicklung von SRI. Bei SRI, dem sozial verantwortlichen Investieren, geht es vor allem um negatives Screening und Ausschlüsse. Bei ESG geht es nur teilweise um Ausschlüsse, mehr um Engagement und darum, den Markt in Richtung nachhaltige Investitionen zu ­bewegen. Nachhaltiges Investieren schließt üblicherweise ökologische und sozial-gesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung mit ein.

Kaufen, lesen, profitieren!

Aktuelle Informationen, gründliche Recherchen, konkrete Empfehlungen: €uro am Sonntag weiß, wie die Finanzwelt funktioniert.

Zu unseren Angeboten

Wie gehen Sie ans Thema nachhaltiges Investieren heran?

Unsere Grundüberzeugung ist, dass ESG-Kriterien ganz selbstverständlich bei der Konstruktion von Portfolios dazugehören sollten. Das entspricht auch der Art und Weise, wie Pimco die Welt sieht und analysiert - nämlich unter einem sehr langfristigen Blickwinkel.

Mit welcher Methodik filtern Sie nachhaltige Anlagen aus dem Investmentuniversum?

Unser grundlegendes Modell dreht sich um die drei "E": Exclusion, Evaluation, Engagement, also Ausschluss, Bewertung und Engagement.

Was schließen Sie aus?

Wir schließen einige Sektoren aus, die mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit nicht vereinbar sind. Wenn ein Unternehmen mehr als zehn Prozent Umsatz mit Tabak macht, wird es aus­geschlossen. Das gilt auch für Versorger, die die Zehn-Prozent-Schwelle mit Kohle-Energie reißen. Kontroverse Waffen und Pornografie sind ebenfalls Gründe für einen Ausschluss. Dennoch zählt Exclusion nicht zu den Hauptprinzipien unserer Portfoliokonstruktion.

Sondern?

Wichtiger ist: Wir bewerten die Unternehmen im Hinblick auf ihren breiten Business-Mix. Wir suchen Firmen, die im Hinblick auf ESG zu den besten ihrer Klasse zählen. Wir beobachten auch genau, ob und wie sich Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit verbessern. Zum Beispiel ob Versorger den Anteil erneuerbarer Energien in ihrem An­gebot erhöhen.

Und der Punkt Engagement?

Anhand einer Reihe sogenannter Key Performance Indicators, die für jeden Sektor unterschiedlich strukturiert sind, befragen wir Unternehmen, wohin ihre Reise geht. Wir möchten genau wissen, wie sie ihr Geschäft nachhaltiger aufstellen wollen.

Wie schwer ist es, ESG-Kriterien bei Unternehmen zu messen?

Das große Problem ist, dass es kein zentrales, standardisiertes Messverfahren gibt. Das führt zu einer Vielzahl an Informationsanbietern. Wir arbeiten mit Daten von Sustainalytics und MSCI, aber auch anderen Anbietern. Am besten aber können wir Unternehmen einschätzen, wenn wir unsere eigenen strukturierten Fragebögen verwenden und unsere Anleiheanalysten die Fragen stellen lassen.

Was muss sich beim Thema ESG künftig noch verbessern?

Eines der größten Probleme ist, dass der Markt für nachhaltiges Investieren vergleichsweise klein ist. Seit der Emission des ersten Green Bonds im Jahr 2006 hat sich der Markt nicht so schnell entwickelt, wie er sollte und wie er gekonnt hätte. Wir müssen den Markt, dessen Vo­lumen aktuell rund eine halbe Billion US-Dollar beträgt, noch deutlich vergrößern.

Wie soll das geschehen?

Die nächste Stufe von ESG muss sich auf die Sustainable Deve­lopment Goals (SDG) der Vereinten Nationen konzentrieren. Es gibt 17 dieser Ziele, die sich wiederum aus 193 messbaren Unterzielen zusammensetzen. Der Markt muss sich unserer Ansicht nach so weiterentwickeln, dass die Teilnehmer sich am Erreichen dieser Ziele messen lassen. Und dass sie diese Messung von unabhängigen Dritten durchführen lassen.

Wie sähe so etwas konkret aus?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ein großer europäischer Versorger hat eine Anleihe emittiert, deren Performance mit bestimmten SDGs verknüpft ist. Zum Beispiel SDG Nummer 7: Zugang zu erschwinglicher, sauberer Energie. In diese Richtung will sich das Unternehmen bewegen und gab deshalb das Versprechen ab, bis 2021 eine installierte Kapazität von 55 Prozent erneuerbarer Energien vorzuweisen. Wenn sie das nicht schaffen, erhöhen sie den Kupon des bis 2024 laufenden Bonds um 25 Basispunkte.

Der Emittent bestraft sich quasi selbst, wenn er in puncto Nachhaltigkeit nicht liefert.

Interessant ist der Unterschied zwischen dieser Anleihestruktur und früheren Strukturen von grünen oder nachhaltigen Bonds. Frühere Strukturen basierten auf der Use-of-Proceeds-Methode. Das bedeutet: Die Emissionserlöse aus einem Bond dürfen nur für bestimmte Projekte verwendet werden, die den Prinzipien der International Capital Market Association genügen. Dieses Prinzip ist an sich gut, wir haben keine Probleme damit und unterstützen es.

Aber?

Der kritische Punkt ist: Nicht ­jeder hat ein konkretes Projekt, das durch einen Green, Social oder Sustainable Bond finanziert werden müsste. Wir würden deshalb neben dem Use-of-Proceeds- gern auch ein General-Proceeds-Prinzip auf dem Markt sehen. Ein Unternehmen müsste dabei seine Ziele und ­seinen von unabhängiger Seite gemessenen Fortschritt mit ­bestimmten SDGs verknüpfen. Sollten die Ziele nicht erreicht werden, gibt es eine finanzielle Kompensation etwa in Form ­eines Zins­aufschlags für die In­vestoren. Das würde den Markt deutlich wachsen lassen.

Ist ESG eher ein Thema für ­institutionelle Investoren oder auch für Privatanleger?

Zunehmend auch für Privatanleger. Dahinter steckt der wachsende Einfluss der Millennials. Diese Generation verfügt künftig über den Großteil des investierbaren Vermögens und ist sich der Folgen des Klimawandels sehr wohl bewusst. Und auch der Risiken, die in einem nicht nachhaltig aufgestellten Portfolio stecken können. Denn es wird immer klarer: Wer künftig ESG bei der Portfoliokon­struktion ignoriert, muss langfristig mit einer schlechteren Performance rechnen.

Pimco Global Bond ESG:


Zusammen mit Andrew Balls und Sachin Gupta managt ­Ketish Pothalingam den global anlegenden Fonds, der auf Anleihen von Emittenten mit erstklassigen ESG-Praktiken setzt.


Bildquelle: PIMCO

Nachrichten

  • Nachrichten zu Anleihen
  • Alle Nachrichten
pagehit
Inhalt wird geladen
Zur aktuellen Ausgabe