REGION UNTER DER LUPE

Russland: Machtkalkül in Moskau - davon machen Investoren ihren Einstieg in das Schwellenland abhängig

Russland: Machtkalkül in Moskau - davon machen Investoren ihren Einstieg in das Schwellenland abhängig
08.10.2019 05:50:00

Die Börse in Russland hat bereits deutlich zugelegt. Investitionen in Infrastruktur und Zinssenkungen sorgen für Kursfantasie. Möglicherweise bleibt auch Wladimir Putin länger am Ruder, als es die Verfassung vorsieht. Von Jörg Billina, Euro am Sonntag

Investoren machen ihren Einstieg in ein Schwellenland abhängig von Wachstumsraten und günstigen Bewertungen. Sie analysieren auch die politischen Entwicklungen beziehungsweise die dafür Verantwortung tragenden Regierungschefs - insbesondere wenn sie ein Engagement an der Börse in Moskau erwägen. Dort werden die Kurse immer wieder von Wladimir Putins Entscheidungen maßgeblich beeinflusst. Anlegern fällt es jedoch schwer, den Präsidenten eindeutig zu beurteilen. Putin repräsentiert Chance und Risiko in Personalunion.

Einerseits gilt er ungeachtet fallender Zustimmungswerte als Garant relativ stabiler politischer Verhältnisse. Anleger werten das als Plus. Andererseits schaden der Konfrontationskurs mit dem Westen, die Machenschaften der Geheimdienste sowie das harte Vorgehen gegen Oppositionelle dem Wirtschaftsstandort. Laut dem Institute of International Finance ist Russland das Schwellenland mit den geringsten ausländischen Direktinvestitionen.

Welchen Stellenwert Putin für die Investoren hat, zeigt sich auch daran, dass sie sich schon jetzt mit der Frage beschäftigen: Lässt er im Jahr 2024 wirklich von der Macht? Laut Verfassung darf der Präsident nach Ablauf seiner vierten Amtsperiode eigentlich nicht noch einmal antreten. Doch wer und was kommt dann? Trotz Putins autoritärem Kurs favorisieren nicht wenige Investoren Kontinuität an der Staatsspitze gegenüber unerfahrenen Nachfolgern.

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Wenig Vertrauen


Um weiterhin die Nummer 1 zu bleiben, könnte Putin Russlands Verfassung ändern. Das aber käme bei den Bürgern nicht gut an. Nach fünf Jahren wirtschaftlicher Stagnation, fallender Realeinkommen und einem heraufgesetzten Renteneintrittsalter wächst der Unmut. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM ist das öffentliche Vertrauen in den Kremlherrscher aktuell auf den niedrigsten Wert seit dem Jahr 2006 gesunken.

Es gibt jedoch eine legale Möglichkeit, das Problem Machterhalt zu lösen und gleichzeitig die Popularitätswerte nach oben zu bringen. Sollten Weißrussland und Russland einen Unionsstaat bilden, könnte Putin aufgrund eines zwischen den beiden Ländern im Jahr 1997 geschlossenen Vertrags - vorausgesetzt er wird gewählt - weiterhin im Kreml die Fäden ziehen.

Um Weißrusslands Staatspräsident Alexander Lukaschenko zu motivieren, Moskaus Integrationsplänen zuzustimmen, hat Russland die Preise für Öl- und Gaslieferungen nach Minsk angehoben. Russland erhöht so seine Staatseinnahmen und trifft Weißrussland empfindlich. Russland ist der wichtigste Energielieferant. Die beiden Staatspräsidenten verhandeln, bis Ende Dezember soll es eine Einigung geben.

Für Putin wäre ein Zusammengehen der beiden Länder sowohl ein außen- als auch ein innenpolitischer Erfolg. ­Allerdings dürfte dies nicht reichen, den Frust der Bürger völlig aufzulösen. Putin weiß: Er muss auch wirtschaftlich liefern. Voraussichtlich nur um ein Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr zulegen, die Weltwirtschaft soll dagegen ein Plus von 2,9 Prozent erzielen.

Die Wachstumsschwäche erklärt sich nicht allein mit den Strafmaßnahmenpaketen, die die USA und die EU als Reaktion auf die Annexion der Krim geschnürt haben. Schwerer wiegt die Tatsache, dass Russland weltweit zu den unproduktivsten Ländern zählt. Der Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde beträgt rund 25 Dollar, die Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommen dagegen im Schnitt auf 48 Dollar.

Hohe Gold- und Devisenreserven


Putin will das ändern. Bis 2024 soll die Effizienz ausgewählter Unternehmen unter anderem durch den verstärkten Einsatz digitaler Technologie um 30 Prozent erhöht werden. Um zudem die Konjunktur zum Laufen zu bringen, wird massiv in den Ausbau der Infrastruktur investiert. Rund 346 Milliarden Euro stehen laut einem Bericht des OWC Verlags für Außenwirtschaft dafür bereit. Zu den Megaprojekten zählt etwa die Autobahn Meridian von der Gren­ze zu Weißrussland bis zum russisch-kasachischen Grenzort Sagartschin. Ein weiteres Projekt ist die Hochgeschwindigkeitszugstrecke zwischen Moskau und Kasan. Geld wird auch in die Hand genommen, um Exporte außerhalb des Rohstoffsektors zu fördern.

Die Mittel für weitere staatliche Ankurbelungsmaßnahmen sind vorhanden. Der Staatshaushalt ist im Plus, die Gold- und Devisenreserven belaufen sich auf 470 Milliarden Euro. Putins ambitioniertes Ziel: Russland soll mittelfristig zu den Top 5 der großen Wirtschaftsnationen aufsteigen.

Die Notenbank unterstützt die Wachstumsanstrengungen mit Augenmaß und handelt keineswegs auf Druck seitens des Kremls. Zentralbankchefin Elwira Nabiullina senkte im September als Reaktion auf sinkende Inflationsraten die Zinsen um 25 Basispunkte auf sieben Prozent. Eine weitere geldpolitische Lockerung dürfte Ende Oktober erfolgen.

Ölpreis noch moderat


Putins Modernisierungsoffensive plus Zinssenkungen treiben die Börse. Seit Jahresanfang hat der MSCI Russia über 30 Prozent zugelegt. Trotz des Anstiegs beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis gerade mal 5,8. Russische Aktien sind somit deutlich günstiger bewertet als Titel anderer Schwellenländer. Zudem locken sie mit Dividendenrenditen von um die sieben Prozent.

Zusätzliche Kursfantasien entzünden sich am Öl, Russlands wichtigstem Exportgut. Die Notierungen könnten im Zuge der Spannungen zwischen Saudi-­Arabien und den USA auf der einen Seite und dem Iran auf der anderen deutlich zulegen. "Der Ölpreis hat bislang erst moderat reagiert", sagt Nitesh Shah von Wisdomtree. Notierungen von 70 Dollar pro Barrel will der Rohstoffexperte nicht ausschließen. Russlands Finanzminister käme dies gelegen. Ein Anstieg um einen Dollar führt zu zusätzlichen staatlichen Mehreinnahmen von täglich 7,5 Millionen Dollar.

Investor-Info

iShares MSCI Russia
Schwergewichte im Portfolio


Der Exchange Traded Fund enthält American Depositary Receipts (ADR) und Global Depository Receipts (GDR), die sich auf russische Aktien beziehen. ADRs und GDRs werden weltweit stellvertretend für die Originalaktien gehandelt. Zu den insgesamt 17 Werten des ETFs zählen das Finanzinstitut Sberbank, die beiden Energieriesen Gazprom und Lukoil ­sowie das Konsumunternehmen X5 Retail. Auf Sicht von drei Jahren legte der iShares MSCI Russia um 65 Prozent zu.

Danske Invest Russia
Rentierliche Expertise


Fondsmanagerin Olga Karakozova investiert seit mehr als 18 Jahren in Aktien von Unternehmen, die ihren Sitz oder ihren Geschäftsschwerpunkt in Russland oder in Staaten der früheren Sowjetunion haben. 40 Prozent der Mittel entfallen auf Energiewerte, 16 Prozent auf Finanztitel. Aktien aus der Konsumbranche sind mit zehn Prozent gewichtet. Auf Sicht von fünf Jahren legte der Fonds um 66 Prozent zu. Starker Fonds, Anleger müssen jedoch Schwankungen ertragen können.

Schroder Emerging Europe
Russland plus


Die beiden Fondsmanager Rollo Roscow und Mohsin Memon haben rund 55 Prozent der Mittel in russische Aktien investiert. Sie nutzen zudem Chancen, die sich in Polen, Tschechien, Ungarn, der Türkei oder Kasachstan bieten. Das Portfolio umfasst 30 bis 50 Werte. Zu den Titelfavoriten zählt unter anderem die Aktie der Moskauer Börse Moscow Stock Exchange sowie das polnische Bankhaus Powszechna Kasa Oszczednosci Bank Polski. Der Fonds erzielte seit Jahresanfang ein Plus von 29 Prozent.

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