Seit Monaten warteten die Kapitalmärkte auf die Entscheidung, nun hat Donald Trump seinen Kandidaten für den Chefposten bei der US-Notenbank Fed nominiert – und für eine Überraschung gesorgt.
Sinkende Zinsen, schwacher Dollar, unattraktiver werdende Staatanleihen – dieses Szenario hatten die meisten Kapitalanlagestrategen für das Jahr 2026 eingepreist. Denn Donald Trump, so die Lesart, werde als Nachfolger von Notenbank-Chef Jerome Powell eine sogenannte „Taube“ nominieren: Einen Kandidaten, der die von ihm gewünschten Zinssenkungen widerstandslos umsetzt – auch entgegen jeder anderen volkswirtschaftlichen Vernunft.
Doch jetzt kommt es anders: Der US-Präsident hat den früheren Fed-Gouverneur Kevin Warsh als Nachfolger für US-Notenbank-Chef Jerome Powell vorgeschlagen. Er kenne Warsh schon seit langer Zeit und habe keinen Zweifel daran, dass er als einer der Großen an der Notenbankspitze in die Geschichte eingehen werde, teilte Trump auf seiner Plattform Truth Social mit. Die US-Parlamentskammer Senat muss Trumps Kandidaten noch als künftigen Chef der Federal Reserve (Fed) bestätigen. Powells Amtszeit endet regulär im Mai.
Trump will Zinsen senken - Warsh eigentlich nicht
Damit setzte sich Warsh gegen den ebenfalls hoch gehandelten Kevin Hassett durch, einen von Trumps engsten Regierungsgeberatern. Auch Stephen Miran, den Trump bereits vor Monaten ins Direktorium der US-Notenbank befördert hatte, geht leer aus.
Überraschend an der Nominierung ist, dass Warsh eigentlich als „Falke“ gilt, der eher zu einem restriktiveren Zinspfad tendiert, um so die Inflation im Griff zu behalten. Warshs Augenmerk liegt mehr auf Preisstabilität, er warnt regelmäßig vor einer zu lockeren Geldpolitik und Inflationsrisiken. Dshalb befürwortet er eher Zinsanhebungen – ganz im Gegensatz zu Trump. Warsh soll sich allerdings zuletzt Medienberichten zufolge offen für niedrigere Zinsen gezeigt haben.
Börsianer erleichtert, Dollar steigt
An der Börse kam die Personalie gut an. Der Dollar, der zuletzt deutlich gegenüber anderen Leitwährungen abgewertet hatte, legte zu. Beobachter erhoffen sich von Warsh einen besonnen geldpolitischen Kurs. „Er genießt den Respekt und die Glaubwürdigkeit der Finanzmärkte“, sagte David Bahnsen, Chief Investment Officer der Bahnsen Group, in der CNBC-Sendung „Squawk Box“. „Es gab niemanden, der diesen Job bekommen hätte, ohne kurzfristig die Zinsen zu senken. Ich glaube jedoch, dass er langfristig ein glaubwürdiger Kandidat sein wird“, fügte Bahnsen hinzu.
Allerdings schickte Warshs Nominierung die Notierungen an den Edelmetallmärkten in den Keller: Gold verlor stark, Silber sogar zweistellig.
Auch der Direktor des Flossbach von Storch-Instituts, Gunther Schnabel, hält Warsh für eine gute Wahl. „Warsh bringt einige Erfahrung mit. Er war bereits zwischen 2006 und 2011 im Board of Governors der Fed und könnte positive Impulse setzen.“ Warsh gelte als Befürworter von Geldwertstabilität. Er habe die quantitative Lockerung der Fed einmal als „Robin Hood mit umgekehrten Vorzeichen“ bezeichnet, so Schnabel. „Zumindest bislang lehnt er die Finanzierung von Staatsausgaben durch die Zentralbank ab. Er forderte mehrfach einen Regimewechsel in der seit der Jahrtausendwende sehr expansiven Geldpolitik.“ Warsh habe mehrfach gefordert, dass die Fed ihre Bilanz verkürzen und weder Finanz- noch Wirtschaftspolitik betreiben solle. „Das deckt sich stark mit der Vorstellung zur Neuausrichtung der Geldpolitik von Finanzminister Scott Bessent, der eine Rückbesinnung der Fed auf ihre Kernaufgaben Preisstabilität und Wachstum fordert“, so Schnabel.
Warsh war Investmentbanker und schon mit 35 Jahren Fed-Gouverneur
Für den heute 55-Jährigen Warsh war es nicht das erste Mal, dass er im Rennen für den Vorsitz der wichtigsten Notenbank der Welt ist. Bereits 2017 soll Trump erwogen haben, ihn als Nachfolger für Janet Yellen zu nominieren – damals entschied er sich dann aber für Powell, mit dem er seit Monaten öffentlich im Clinch liegt.
Nach einem Jurastudium hatte Warsh mehrere Jahre lang bei der Investmentbank Morgan Stanley gearbeitet und sich dort mit Fusionen und Übernahmen beschäftigt. 2002 zog es ihn in die Politik, wo er unter dem damaligen republikanischen Präsidenten George W. Bush arbeitete und ihn etwa bei Fragen rund um Kapitalflüsse und Wertpapiere beriet. Bush nominierte Warsh 2006 als Fed-Gouverneur – und er wurde mit nur 35 Jahren dann das jüngste Vorstandsmitglied in der Geschichte der Federal Reserve. Der frühere Fed-Chef Ben Bernanke, unter dem er arbeitete, schrieb in seinen Memoiren, dass Warshs Alter Kritik auf sich gezogen habe. Doch seine politischen Fähigkeiten, sein Marktverständnis und seine guten Kontakte an der Wall Street hätten sich als wertvoll erwiesen.
Gut möglich, dass ihm diesmal auch familiäre Bande halfen: Warsh ist der Schwiegersohn des engen und langjährigen Trump-Freundes Ronald Lauder.
Zerwürfnis zwischen Trump und Powell
Der Nominierung war ein monatelanger Konflikt zwischen Trump und Powell vorausgegangen. Der Präsident fordert nach wie vor die Senkung des Leitzinses. Die Fed legte zuletzt eine Zinspause ein, nachdem sie zuvor noch drei Zinsschritte nach unten auf 3,5 bis 3,75 Prozent gegangen war.
Die kleinen Senkungen sollten ein Wiederaufflammen der Inflation auf hohem Niveau verhindern. Doch das reichte Trump nicht - in der Folge forderte er Powells Entlassung und beleidigte ihn regelmäßig.
Zuletzt hatte sich der Konflikt zwischen Trump und der Notenbank weiter zugespitzt: In einer äußerst seltenen Stellungnahme wies Powell Ermittlungen gegen ihn und eine drohende Anklage im Zusammenhang mit der mehrjährigen und kostspieligen Sanierung von Gebäuden der Zentralbank in Washington im als Versuch der Einflussnahme auf die Arbeit der Fed zurück. „Die Drohung mit einer Anklage ist eine Folge davon, dass die Federal Reserve die Zinssätze nach bestem Wissen und Gewissen im öffentlichen Interesse festlegt und nicht den Präferenzen des Präsidenten folgt“, sagte Powell. Er werde sein Amt weiter „integer und im Dienste des amerikanischen Volkes ausführen“. Notenbankchefs weltweit stellten sich hinter Powell.
Hängepartie droht
Ob Trumps Wunschkandidat Warsh nun tatsächlich bald neuer Fed-Chef wird, ist auch wegen der Ermittlungen gegen Powell noch unklar. Der einflussreiche Senator Thom Tillis kündigte an, er werde keinem Kandidaten für Notenbank-Posten zustimmen, bis die Angelegenheit geklärt sei.
Weder der Präsident noch die Republikaner dürfen sich in den eigenen Reihen im Wahljahr 2026 interne Zerwürfnisse erlauben: Anfang November stehen die wichtigen Kongresswahlen an. Verliert Trump die Mehrheit, dürften die Demokraten im US-Parlament ihm die Arbeit in der restlichen Amtszeit deutlich erschweren.
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