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GASTBEITRAG

Stefan Hofrichter: Rote "Blasenampel" für US-Aktien - was tun?

Stefan Hofrichter: Rote
16.07.2021 16:00:42

Anlagestrategie: Was Investitionen in den US-amerikanischen Aktienmakt betrifft, mehren sich die Warnsignale. Anleger sollten vorbereitet sein, können aber trotzdem noch dort investieren. Von Gastautor Stefan Hofrichter

Obwohl er ein immer wiederkehrender Begriff an den Finanzmärkten ist, wird der Ausdruck "Blase" seit einigen Monaten wieder häufiger als üblich verwendet. Dies gilt vor allem mit Blick auf den US-Aktienmarkt. Inspiriert durch die Arbeiten des US-Ökonomen Charles Kindleberger hat Allianz Global Investors daher eine auf zehn Indikatoren beruhende "Blasenampel" erstellt. Für US-Aktien lässt diese Ampel aufhorchen - steht sie doch bei vielen Indikatoren auf Rot.

Eine erste Einschätzung, ob es bei einem Aktiensegment Übertreibungen gibt, wird zumeist anhand der Bewertung vorgenommen, etwa gemessen am zyklusbereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnis. US-Aktien weisen hier eine sehr hohe Bewertung auf, was allein schon Grund zur Besorgnis ist. Die Ampel steht aber gleich bei sechs weiteren Indikatoren ebenfalls auf Rot, teilweise sogar auf Tiefrot. Besonders starke Warnsignale gehen von der ultralaxen Geldpolitik aus, die in der Vergangenheit stets den Nährboden für Finanzmarktblasen darstellte, sowie vom Boom an Finanzmarkt-"Innovationen". Beispiele sind Kryptowährungen oder SPACs (Special Purpose Acquisition Companies). Weitere deutliche Blasenanzeichen sind die Kombination aus der Überbewertung von US-Aktien mit der einer weiteren Anlageklasse - Staatsanleihen weltweit -, der neue Finanzmarkt-Deregulierungsschub in den USA sowie hohe, teilweise spekulative Handelsaktivitäten. Letztere haben teilweise exponentielle Preisbewegungen zur Folge und weisen Merkmale übermäßiger Risikofreude auf - man denke etwa an den "Kampf" vieler Kleinanleger gegen Shortseller im Frühjahr 2021.

Hinzu kommen zwei weitere Indikatoren, bei denen die AllianzGI-Blasenampel derzeit sozusagen auf Dunkelgelb steht: Hier sind zum einen hohe Kapitalzuflüsse in den USA zu nennen. In der Vergangenheit war dies eine Begleiterscheinung vieler Blasen, aber nicht aller - daher hier noch ein gelblicher Grundton. Zum anderen ist dies die gestiegene US-Verschuldung, sowohl im Privat- als auch im öffentlichen Sektor. Aufgrund des niedrigen Zinsniveaus ist dies allerdings (noch) nicht besorgniserregend. Insgesamt springen somit für US-Aktien derzeit viele Warnmelder an. Der Renditeanstieg bei langläufigen US-Staatsanleihen zu Jahresbeginn hat einigen Anlegern bereits Sorgenfalten ins Gesicht getrieben. Nach der jüngsten Sitzung der US-Notenbank dürften diese noch tiefer geworden sein: Wenngleich eine Abkehr von der ultralaxen Geldpolitik noch nicht unmittelbar ins Haus steht, sorgt allein die Aussicht auf eine restriktivere Fed für zusätzlichen Gegenwind bei risikobehafteten Assets.

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Dies alles ist ein Grund für Anleger, bei Engagements in US-Aktien äußerste Vorsicht walten zu lassen und diese permanent zu beobachten. Gleichwohl würden wir noch nicht zu einem deutlichen Positionsabbau raten. Langfristig betrachtet sind Aktien immer noch attraktiver als Anleihen. Jüngste Umfragen deuten zwar darauf hin, dass Investoren ihre risikofreudige Haltung überdenken könnten, wenn die Rendite zehnjähriger US-Treasuries deutlich über zwei Prozent steigt. Vermutlich wäre aber vom aktuellen Niveau aus ein erheblicher weiterer Renditeanstieg um mindestens 100 Basispunkte erforderlich, bevor sich die relative Bewertung zugunsten von Anleihen ändert.

Letztlich hat die Geschichte gezeigt, dass Blasen nur dann platzen, wenn die Zentralbanken beginnen, eine vorhergehende Politik des billigen Geldes zu beenden. Hiernach sieht es in den USA momentan nicht vor 2022 aus; eine erste Zinserhöhung steht sogar wohl erst 2023 ins Haus. Daher könnte der Kursanstieg am US-Aktienmarkt zunächst anhalten. Die aktuell probate US-Aktienstrategie scheint somit weiter umsichtige Risikofreude zu sein. Anleger sollten zudem nicht vergessen, dass es außerhalb der USA - etwa in Europa, Japan oder den Schwellenländern - deutlich fairer gepreiste Aktienmärkte gibt.

 


Stefan Hofrichter

Hofrichter ist diplomierter Volkswirt, hält einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre von der Fachhochschule der Deutschen Bundesbank und ist CFA Charterholder. 1996 kam er als Portfoliomanager zu Allianz GI und nahm 1998 seine jetzige Rolle als Volkswirt und Stratege ein. Allianz GI ist die Kapitalverwaltungsgesellschaft des Allianz-Konzerns, der auch Kapitalanlage für private und institutionelle Anleger anbietet.


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