Der Ölmarkt bleibt 2026 extrem angespannt. Zwar konnten die Rohölpreise die Höchststände aus dem Jahr 2022 bislang noch nicht übertreffen, doch laut einer aktuellen Analyse der US-Investmentbank Morgan Stanley könnte sich die Lage schon bald deutlich zuspitzen.
Martijn Rats (Head of Commodity Research) spricht inzwischen von einem „Wettlauf gegen die Zeit“ und begründet dies mit der aktuellen Lage in der Straße von Hormus. Dass diese seit Wochen weitgehend blockiert ist, habe eine Kettenreaktion ausgelöst, deren Folgen noch längst nicht vollständig absehbar sind.
Warum die Ölpreise noch nicht komplett explodiert sind
Viele Marktbeobachter wundern sich derzeit, warum die Ölpreise trotz der geopolitischen Eskalation noch nicht wesentlich stärker gestiegen sind. Laut Morgan Stanley gibt es dafür mehrere Gründe. Zum einen hätten die USA ihre Rohölexporte massiv ausgeweitet. Gleichzeitig importiert China derzeit deutlich weniger Öl als zuvor. Zusammengenommen hätten diese beiden Faktoren den Weltmarkt bislang stabilisiert und einen noch stärkeren Preisschock verhindert.
Die Analysten rechnen vor, dass die höheren US-Exporte und die schwächeren chinesischen Importe den Weltmarkt aktuell um insgesamt rund 9,3 Millionen Barrel pro Tag entlasten. Das sei eine außergewöhnlich große Menge und habe geholfen, die Auswirkungen der Hormus-Blockade zumindest vorübergehend abzufedern. Hinzu komme, dass viele Investoren bislang weiterhin darauf setzen, dass sich die Lage irgendwann entspannt und die Straße von Hormus wieder vollständig geöffnet wird, was in der Backwardation-Terminkurve zum Ausdruck kommt. WTI-Futures mit Fälligkeit Juni 2027 sind derzeit 27 Prozent günstiger als der nächstfällige Kontrakt. Diese Hoffnung auf eine baldige Öffnung des „Nadelöhrs“ habe verhindert, dass die Ölpreise völlig außer Kontrolle geraten sind.
Morgan Stanley warnt vor neuer Verknappung
Doch genau dieser Puffer könnte laut Morgan Stanley zunehmend an seine Grenzen stoßen. Die US-Investmentbank warnt, dass eine länger anhaltende Blockade der Meerenge erneut massive Versorgungsengpässe auslösen könnte. Besonders kritisch sehen die Experten die Situation in den USA. Während China die aktuelle Lage aufgrund niedrigerer Importe und hoher Reserven möglicherweise noch über Monate bewältigen könne, erscheine die Fähigkeit der USA, das derzeit extrem hohe Exportniveau dauerhaft aufrechtzuerhalten, zunehmend fraglich.
Sollte die Straße von Hormus bis in den Juni hinein weitgehend geschlossen bleiben, könnten die aktuellen Sicherheitsmechanismen am Ölmarkt unter Druck geraten. Genau deshalb spricht Morgan Stanley von einem „Wettlauf gegen die Zeit“. Im Basisszenario der Bank wird zwar weiterhin davon ausgegangen, dass die Meerenge wieder geöffnet wird, bevor die Lage eskaliert. Dennoch rechnen die Analysten bereits jetzt mit durchschnittlichen Brent-Ölpreisen von rund 100 Dollar im dritten Quartal und etwa 90 Dollar im vierten Quartal. Deutlich brisanter fällt allerdings das bullische Extremszenario aus. Sollten die Reserven und Puffer in den USA und China schwinden, hält Morgan Stanley einen Anstieg des Brent-Ölpreises auf 130 bis 150 Dollar für möglich.
Märkte bleiben extrem nervös
Wie angespannt die Lage bleibt, zeigt sich auch an den täglichen Kursschwankungen. Rohöl verteuerte sich allein in dieser Woche zeitweise um fast sieben Prozent. Gleichzeitig reagieren die Märkte inzwischen extrem sensibel auf politische Aussagen, Gipfeltreffen oder neue Nachrichten rund um den Iran-Konflikt. Nur zur Erinnerung: Seit Ende Dezember hat sich der CBOE-Ölvolatilitätsindex von 30 auf 72 Prozent mehr als verdoppelt.
Fazit: Derzeit können am Ölmarkt geopolitische Entwicklungen innerhalb weniger Stunden massive Kursbewegungen auslösen. Sowohl eine erneute Preisexplosion als auch ein abrupter Preiseinbruch erscheinen derzeit möglich.
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