US-Privatanleger sind so bearish wie selten, sagen Sentiment-Forscher. Tatsächlich aber treibt ein gefährlicher Mix aus Bewertungsangst und FOMO die Märkte, erklärt unser Gastkolumnist Stefan Risse.
Stimmungsindikatoren haben im Grunde genau einen Zweck: Man versucht an ihnen abzulesen, wie stark der Investitionstrieb der Anleger ist. Sind diese voll investiert, wird es gefährlich, denn wer soll dann zu noch höheren Kursen Aktien kaufen?
Sitzen Anleger dagegen auf hohen Barreserven, sind eher steigende Kurse zu erwarten, denn dann ist viel Kaufkraft vorhanden. Schaut man auf die derzeitige Situation, dann ergibt sich allerdings zunehmend ein Bild, das es so wohl noch selten gegeben hat. Denn derzeit ist bei vielen Stimmungsindikatoren eher eine vorsichtige Haltung abzulesen, gleichzeitig ist die jeweils befragte Anlegergruppe aber massiv investiert.
Hohe Aktienquote, wenig cash
Beginnen wir mal bei den Privatanlegern in den USA. Da gibt es den Indikator der American Association of Individual Investors (AAII), die ihre Mitglieder seit 1987 wöchentlich fragt, ob sie bullish, bearish oder neutral eingestellt sind. Schaut man auf die letzte Umfrage, sind die Bären mit 43,6 Prozent eindeutig in der Mehrheit. Bullen gibt es nur 32,6 Prozent. Üblicherweise kann man bei dieser Indikation nicht davon ausgehen, dass die Anleger extrem stark engagiert sind. AAII fragt aber auch die Aktienallokation seiner Mitglieder ab, und dort ergibt sich ein ganz anderes Bild. Diese befindet sich historisch betrachtet mit 70,5 Prozent der liquiden Vermögenswerte an früheren historischen Hochpunkten.
Bei den institutionellen Anlegern sieht es ganz ähnlich aus. Die viel beachtete Umfrage der Bank of America, der sogenannte Fund Manager Survey, brachte hervor, dass die internationalen Fondsmanager eine KI-Blase derzeit für das größte Risiko halten. Die jeden Monat ausgewiesenen Cashbestände ihrer Aktienfonds sind aber noch weiter gesunken, auf 3,7 Prozent. Historisch gesehen ist das ein Niveau, dem oft deutliche Einbrüche folgten.
Angst, etwas zu verpassen
Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Auf der einen Seite sind die Anleger pessimistisch. Auf der anderen Seite ist ihr Portfolio voll auf steigende Kurse ausgerichtet. Es ist wohl eine zweifache Angst, die dahintersteckt. Die Angst vor fallenden Kursen lässt sich ganz einfach erklären. Ein Blick auf klassische Bewertungsmaßstäbe wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis zeigt für den S & P-500-Index Bewertungen, wie wir sie ähnlich vor dem Platzen der Internetblase im Jahr 2000 oder vor dem legendären Börsenkrach von 1929 gesehen haben.
Aber dann gibt es da eben auch noch das Phänomen „FOMO“. Es steht für „Fear of Missing Out“, also die Angst, etwas zu verpassen. Wenn Kollegen und Freunde alle mit Nvidia und Palantir ihr Geld vervielfachen, dann will man auch dabei sein. Für institutionelle Anleger ist es oft sogar noch schwerer als für Privatanleger. Als Privatanleger kann man auch mal weghören, ein Fondsmanager muss sich dem jeden Tag aufs Neue in seinem Berufsleben stellen.
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