Rückkäufe: Deutschlands Topkonzerne stecken Rekordbeträge in den Erwerb eigener Aktien. Warum das Sinn macht, welche Fehler vermieden werden müssen, welche Unternehmen besonders aktiv sind.
Deutschlands Topkonzerne sind im Kaufrausch. Ihr gemeinsames Ziel: die eigenen Aktien. Eine Analyse der Deka zeigt, dass das jährliche Volumen der Aktienrückkäufe im DAX seit dem Jahr 2020 von 3,8 Milliarden auf rund 20 Milliarden Euro gestiegen ist. Und es geht weiter: Nach Hochrechnung der Redaktion haben die Indexmitglieder in ihren meist über mehrere Jahre laufenden Programmen mehr als 50 Milliarden Euro für den Kauf eigener Aktien verplant. Drei Viertel der DAX-Konzerne sind aktiv. Siemens führt die Liste gemeinsam mit der DHL Group (Deutsche Post) und Siemens Energy an. Diese drei haben jeweils sechs Milliarden Euro für Rückkäufe vorgesehen. Während das Programm der DHL Group in diesem Jahr ausgeschöpft wird, hat Siemens Energy gerade begonnen.
Konstruktive Zerstörung als Kurstreiber: Die Papiere eines guten Rückkaufprogramms werden vernichtet. Da Aktien heute nicht mehr physisch auf Papier gedruckt, sondern digital verwaltet werden, muss nicht auf die altmodische Art geschreddert werden. Der Effekt aber ist derselbe. Mit sinkender Stückzahl wird der künftige Bilanzgewinn auf weniger Aktien verteilt. Damit sollte der Wert der verbliebenen Stücke steigen. Bei der Dividende wiederum muss das Unternehmen weniger Aktien bedienen, was Erhöhungen erleichtert. Auch die Psychologie spielt eine Rolle: Während eine Dividendenkürzung an der Börse meist als Alarmsignal interpretiert wird, lassen sich Aktienrückkäufe relativ geräuschlos aufschieben oder einstellen.
Wie immer kommt es auf die Details an. Eine Studie der DSW listet die Prioritäten für die Finanzplanung eines Unternehmens auf. Am wichtigsten sind Investitionen in das operative Geschäft. Der nächste Punkt: Zukäufe, die das Geschäft sinnvoll stärken. Drittens: die Dividende. Nur wenn dann noch Geld übrig ist, sollten Rückkäufe ins Spiel kommen. Ein Tabu müssen Rückkäufe sein, die über Schulden finanziert werden.
Ein heikler Punkt ist die Wahl des richtigen Zeitpunkts. Warren Buffett geißelte in einem seiner Aktionärsbriefe Konzernchefs für ihre „peinliche Angewohnheit“, mehr Unternehmensgelder für Rückkäufe auszugeben, wenn die Kurse gestiegen sind, als wenn sie eingebrochen sind. Wann genau eine Aktie unterbewertet ist, lässt sich meist allerdings erst im Rückblick verlässlich bestimmen.
Etliche Unternehmen, vor allem in den USA, ziehen ihre Programme darum kontinuierlich durch. Allein die Fähigkeit, durchgehend Rückkäufe finanzieren zu können, ist ein Qualitätsmerkmal. Wer systematisch auf Rückkäufer setzt, erhöht also die Chance, schlechten Unternehmen aus dem Weg zu gehen.
Wie die Kurse reagieren
Der am klarsten zu messende Kurseffekt entsteht am Tag der Ankündigung eines neuen Programms. Dieser ist besonders positiv, wenn ein Unternehmen fundamental niedrig bewertet ist. Auf längere Sicht fließen viele andere Faktoren in die Performance ein. Trotzdem scheinen Rückkäufe zu wirken: Ein Spezialindex sucht aus den Mitgliedern des amerikanischen S & P 500 jene 100 Werte heraus, die gemessen am Börsenwert die größten Beträge in Rückkäufe gesteckt haben. Dieser Index war nicht in allen Börsenphasen besser, ist aber seit der Jahrtausendwende doppelt so stark gestiegen wie der S & P 500. Eine Auswertung der Investmentbank Goldman Sachs zeigt, dass die Aktienmärkte eine Mischung aus Dividende und Rückkäufen stärker belohnen als einen Schwerpunkt auf Investitionen, Übernahmen oder auch Cash.
Bei welchen DAX-Unternehmen dürfen Börsianer auf einen positiven Rückkaufeffekt hoffen? Die Redaktion sieht bei den Aktien von Siemens und Siemens Energy weiter Aufwärtspotenzial. Die Kurse dort bewegen sich aber nahe der Allzeithochs. Im Sinne der Investmentidee bieten sich beim Thema Rückkäufe eher Unternehmen an, deren Aktien in einem zyklischen Tief stecken. Ein Kandidat ist BASF. Der Chemiekonzern hat sein neues Programm Ende Oktober gestartet. Vier Milliarden wollen die Ludwigshafener bis Ende 2028 in eigene Aktien stecken. Die Summe entspricht rund zehn Prozent des aktuellen Börsenwerts und ist damit ungewöhnlich groß. Im Paket mit der Dividende will BASF insgesamt zwölf Milliarden ausgeben. Die Finanzierung wird gestützt durch Portfoliomaßnahmen. In einer ersten Tranche sollen bis Juni dieses Jahres zunächst 1,5 Milliarden für Rückkäufe ausgegeben werden. Die Aktie hat sich seit der Ankündigung kaum bewegt. Es fehlen weiterhin positive Impulse aus dem operativen Geschäft. Der Vorstand sendet durch die unerwartet frühe Ankündigung der Rückkäufe ein positives Signal. Der Aktienkurs von BASF notiert aktuell rund 40 Prozent unter dem Fünfjahreshoch.
Seit November kauft Mercedes-Benz wieder eigene Aktien zurück. Innerhalb von zwölf Monaten sollen bis zu zwei Milliarden Euro ausgegeben werden. Das sind 3,5 Prozent des aktuellen Börsenwerts. Der Konzern will grundsätzlich den Teil des freien Cashflows aus dem Industriegeschäft, der über die Dividende hinausgeht, zur Finanzierung von Rückkäufen verwenden. Goldman Sachs kalkuliert, dass Mercedes-Benz die Zahl der ausstehenden Aktien bis zum Jahr 2030 im Schnitt um 2,4 Prozent reduzieren kann. Trotz der Branchenkrise erwirtschaftet Mercedes-Benz weiterhin hohe Cashflows. Der Aktienkurs bewegt sich in etwa in der Mitte des Fünf-Jahres-Korridors, also nicht auf einem extremen Niveau.
Der Dauerkäufer
Einer der bewährten Dauerkäufer im DAX ist Munich Re. Seit dem Jahr 2006 hat der Versicherungskonzern mehr als 100 Millionen Stück eingesammelt. Im Schnitt zahlten die Münchner für jedes Papier 177 Euro. Heute kosten die verbliebenen Papiere das Dreifache. Der Vorstand hat die Ausschüttungspolitik überarbeitet. Die Gesamtquote aus Dividenden und Rückkäufen soll auf jährlich über 80 Prozent steigen. Das aktuelle Rückkaufprogramm hat ein Volumen von bis zu zwei Milliarden Euro und soll zur Hauptversammlung im April abgeschlossen werden. Die Aktie hat seit dem Rekordhoch im April rund 15 Prozent nachgegeben. Das Branchenumfeld für die Rückversicherer hat sich zuletzt etwas eingetrübt. Dividende und Rückkäufe sprechen aber weiterhin für Munich Re.
Auch das in diesem Jahr auslaufende Rückkaufprogramm der DHL Group dürfte nur eine Zwischenetappe sein. Die Investmentbank JP Morgan rechnet für den Logistikriesen in den kommenden Jahren mit einer Verbesserung des freien Cashflows und weiteren Rückkäufen. Obwohl die in vielen Regionen schleppende Konjunkturentwicklung und Schutzzölle das Geschäft der Rheinländer erschweren, ist die DHL Group beim operativen Gewinn bereits wieder auf Wachstumskurs. Die jüngsten Zahlen des US-Konkurrenten Fedex bestätigen einen positive Branchentrend bei den Preisen und Sendungsvolumen. Die Aktie der DHL Group notiert knapp 20 Prozent unter dem eigenen Fünfjahreshoch.
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Hinweis auf Interessenskonflikte: Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: BASF, DHL Group, Mercedes-Benz Group, Munich Re.