UniCredit hält bereits 39,28 Prozent an der Commerzbank. Gegenüber „Euro am Sonntag“ erklärt Bankenexperte Filippo Alloatti, warum die Übernahme praktisch bereits entschieden ist – und die Bundesregierung nur noch „eine Wasserpistole in der Hand“ hält.
UniCredit-Chef Andrea Orcel hat das nächste Etappenziel erreicht: Nach Ablauf der Tauschofferte kommt die italienische Großbank nun auf eine Beteiligungsquote von 39,28 Prozent an der Commerzbank – 12,51 Prozent aus der Annahmequote der Offerte, zuzüglich des bereits gehaltenen Aktienanteils von 26,77 Prozent. Zusätzlich darf UniCredit nun ohne Auflagen weitere Commerzbank-Aktien am freien Markt zukaufen. Die Übernahmedynamik verschiebt sich damit weiter zugunsten der Mailänder.
Filippo Alloatti, Bankenexperte beim Vermögensverwalter Federated Hermes, bewertet die Lage im Interview mit „Euro am Sonntag“ nüchtern: „Die Übernahme ist im Grunde abgeschlossen." Die Wahrscheinlichkeit, dass die Commerzbank sie noch abwenden könne, sei „sehr gering".
So wirkt sich die Coba-Übernahme auf die Unicredit-Bilanz aus
Dabei muss UniCredit nicht einmal aktiv zukaufen, um seinen Anteil zu steigern. Das laufende Aktienrückkaufprogramm der Commerzbank reduziert kontinuierlich die Zahl der ausstehenden Aktien – und erhöht dadurch automatisch den prozentualen Anteil der Mailänder am Grundkapital. Ein stiller, aber wirksamer Hebel.
Entscheidend werde nun die Schwelle von 40 Prozent, sagt Alloatti. Theoretisch kann die Europäische Zentralbank ab diesem Niveau eine Vollkonsolidierung der Commerzbank in der UniCredit-Bilanz verlangen. Allerdings könne die EZB „flexibel agieren und der UniCredit eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Diese würde der italienischen Bank einige Quartale Zeit verschaffen, bevor die vollständige Konsolidierung der Commerzbank erforderlich wird."
Eine solche Vollkonsolidierung hätte nach eigenen Berechnungen von UniCredit aus dem Frühjahr erhebliche Folgen für die Kernkapitalquote: rund 280 Basispunkte Belastung auf die sogenannte CET1-Ratio, auch Kernkapital genannt. Um diese zu verzögern, könnte UniCredit versuchen, den Anteil knapp unterhalb der 40-Prozent-Marke zu halten. Doch diese Strategie würde das Thema laut Alloatti nur zeitlich aufschieben. Langfristig sei eine Einbeziehung in die Bilanz „praktisch unvermeidbar".
Das eigentliche Ziel: Fusion mit der HypoVereinsbank
Was Orcel wirklich anstrebe, gehe über eine bloße Beteiligung hinaus, erklärt der Bankenexperte. „Das langfristige Ziel der UniCredit ist die Verschmelzung der Commerzbank mit der HypoVereinsbank." Auf diese Weise ließe sich überschüssiges Kapital der HypoVereinsbank freisetzen, das derzeit gebunden ist. Bestandteil dieser Strategie sei auch ein Delisting der Commerzbank, glaubt er – also die Rücknahme der Aktie von der Börse.
Für Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp bleibt damit wenig Spielraum. Zwar lobt Alloatti die Arbeit beider Seiten: „Die Teams beider Vorstandsvorsitzenden haben bisher gute Arbeit geleistet." Ihre Ziele seien jedoch „nachvollziehbar, aber gegensätzlich": Orlopp wolle den bestmöglichen Preis erzielen, Orcel das Kapital seiner Aktionäre verantwortungsvoll einsetzen.
Bundesregierung hält Wasserpistole in der Hand
Wäre denn noch ein Kompromiss möglich? Alloatti hält es für denkbar, dass UniCredit zu einem späteren Zeitpunkt ein verbessertes Angebot mit höherer Übernahmeprämie vorlegt – aber nur, wenn sich die Commerzbank-Führung auf eine einvernehmliche Lösung zubewegt. „Ein Kompromiss wäre eine rationale Entscheidung beider Seiten und würde diese Übernahmeauseinandersetzung zu einem konstruktiven Abschluss führen", so der Experte.
Auf die Bundesregierung als Großaktionärin setzt der Bankenexperte dabei wenig Hoffnung. Ihr Einfluss sei begrenzt: „Sie hält in dieser Auseinandersetzung bildlich gesprochen eine Wasserpistole in der Hand." Berlin hatte die Übernahme bislang abgelehnt – doch angesichts einer Beteiligung von fast 40 Prozent und dem freien Zukaufsrecht schwinden ihre Optionen, die Übernahme noch zu verhindern.
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Häufige Fragen zum Thema
Warum fällt die Aktie der Commerzbank?
Die Aktie der Commerzbank ist zuletzt gefallen, da die Enttäuschung bei Anlegern groß ist, dass die UniCredit nach Ablauf der Frist kein höheres Angebot für die Aktien der Commerzbank gemacht hat. Zudem waren die Anteilsscheine des DAX-Konzerns während des Übernahmekampfes stark gestiegen.
Wie hoch ist der Anteil der UniCredit an der Commerzbank?
Die italienische Großbank hält nach Ablauf der regulären Annahmefrist direkten Zugriff auf rund 39 Prozent der Commerzbank-Aktien. Bis Ablauf der Angebotsfrist vom 5. Mai bis zum 16. Juni bekam die Unicredit nach eigenen Angaben 12,5 Prozent der Commerzbank-Aktien angedient. Sie hat die Offerte bis zum 3. Juli 2026 verlängert.
Warum rät die Commerzbank von der Annahme der UniCredit-Offerte ab?
Die Commerzbank rät ihren Anteilseignern weiterhin davon ab, das Umtauschangebot anzunehmen: Es sei "unverändert keine angemessene Prämie" enthalten, sagte ein Sprecher. Die Unicredit bietet für jede Commerzbank-Aktie 0,485 eigene Aktien. Umgerechnet war das lange Zeit weniger, als die Commerzbank-Papiere an der Börse wert waren.
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