Europa koppelt sich politisch von den USA ab. Das hat Konsequenzen auch für die Wirtschaft. Welche Aktien von der geopolitischen Neuordnung der westlichen Welt profitieren können.

Ein fester Handschlag, freundliche Blicke: Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit US-Außenminister Marco Rubio. Für einen kurzen Augenblick sieht es aus wie in den guten alten Zeiten — Europa und die USA als untrennbare Verbündete. Trotz der relativ entspannten Begegnung in München sind die Bruchstellen im transatlantischen Bündnis nicht zu übersehen. Nicht nur die Schutzzölle der Trump-Regierung und der Konflikt um Grönland haben Spuren hinterlassen. Europa müsse seine Interessen und Werte bewahren und auf eigene Stärken setzen, betonte der Bundeskanzler auf der Sicherheitskonferenz. Die nächste Krise bahnt sich bereits an. „Die USA werden in den kommenden Monaten — das ist sicher — uns wegen der Digitalregulierung attackieren“, warnte Frankreichs Staats­präsident Emmanuel Macron.

Die Europäische Union und die USA sind wichtige Handelspartner. Allein im Jahr 2024 wurden zwischen beiden Seiten Waren im Wert von 865 Milliarden Euro bewegt, so das Statistische Bundesamt. Ein harter Bruch hätte also wirtschaftlich dramatische Konsequenzen und ist da­rum nicht zu erwarten. Das wahrscheinliche Szenario sind graduelle Veränderungen. „De-Risking“, also Risikobegrenzung, lautet eines der Schlagworte. Für viele Unternehmen kann bereits eine kleine Umlenkung von Geldströmen große Wirkung haben.

Am deutlichsten sichtbar ist die Neuausrichtung Europas in der Sicherheitspolitik. Der Druck ist in diesem Bereich durch den russischen Angriff auf die Ukraine besonders groß. Die Bestellungen bei den europäischen Rüstungskonzernen rollen bereits herein. Rheinmetall, der deutsche Rüstungsriese, saß nach neun Monaten des vergangenen Geschäftsjahres auf einem Auftragsbestand von 64 Milliarden Euro, mehr als das Anderthalbfache des für 2026 erwarteten Umsatzes. Die Aktienkurse im Rüstungssektor sind allerdings bereits stark gestiegen. Haben Börsianer das Potenzial dort bereits in den Kursen verarbeitet? Eine Waffenruhe in der Ukraine würde die Kurse wohl belasten. Der Nachholbedarf der europäischen NATO-Staaten ist trotzdem groß.

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Zwei Ebenen

Ein spannendes Profil bietet Dassault Aviation. Die Franzosen sind Hersteller des Kampfjets Rafale, der wegen seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten gefragt ist. Neben Frankreich ist Indien ein wichtiger Abnehmer. Im vergangenen Jahr lieferte Dassault 26 Kampfjets aus. 220 Bestellungen standen zum Jahreswechsel in den Auftragsbüchern. Der Konzern ist kein reines Rüstungsunternehmen, sondern produziert auch Privatjets der Falcon-­Serie. Dieser Markt ist schwieriger. Im vergangenen Jahr lieferte Dassault 37 Maschinen aus, das war etwas weniger als erwartet. In den Büchern standen zuletzt 73 offene Bestellungen. Ein wertvolles Extra bei Dassault Aviation ist die Beteiligung am französischen Technologiekonzern Thales. Mehr als ein Viertel der Aktien gehört Dassault, was bereits einen signifikanten Teil des Börsenwerts abdeckt.

Bei Rheinmetall erwarten Börsianer eine im Vergleich zu Dassault deutlich höhere Gewinndynamik. Die Aktie des DAX-Konzerns wird aber auch zu höheren Bewertungskennziffern gehandelt. Das Geschäft der Franzosen wird nicht nur durch den Rüstungszyklus angetrieben, durch das Zivilgeschäft sollte der Konzern auch von besseren Konjunkturaussichten profitieren.

Der digitale Raum muss nicht nur gegen feindliche Staaten, sondern auch gegen Kriminelle verteidigt werden. Spezialist in Deutschland ist Secunet. Rund 90 Prozent des Umsatzes werden mit dem öffentlichen Sektor erzielt. Das sind Behörden, Ministerien, aber auch Polizei und Bundeswehr. Die digitale Transformation steigert die Nachfrage. Im Wettbewerb mit internationalen Konkurrenten sollte Secunet einen klaren Heimvorteil haben. Umsatz und Gewinn lagen im Schlussquartal 2025 über Analystenerwartung. Der Konsens rechnet mit Steigerungen beim Nettogewinn von rund 15 Prozent. Auch Secunet ist in den großen Software-Crash hineingezogen worden. Die Aktie hat im Februar zwischenzeitlich mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt damit unter dem langjährigen Durchschnitt. Cybersecurity dürfte in der Softwarewelt zu jenen Bereichen mit dem größten Burggraben gehören. Wir sehen den Rücksetzer da­rum als Einstiegsgelegenheit.

 In anderen Bereichen der Wirtschaft sind die Neujustierungen im transatlantischen System längerfristige Prozesse. Groß sind die Gräben in der Energiepolitik.

Während die Trump-Regierung fossile Brennstoffe ausdrücklich fördert, will Europa stärker auf erneuerbare Energien setzen. Im Idealfall produziert ein Kontinent genug Energie, um seine Versorgung unabhängig von Importen zu sichern. Davon ist Europa weit entfernt. Während die USA seit 2019 mehr Energie exportieren als sie einführen, musste die Europäische Union 2023 insgesamt 58 Prozent ihres Bedarfs durch Nettoimporte decken. Erneuerbare Energien sind langfristig eine Alternative vor allem für Regionen ohne natürliche Öl- und Gasvorkommen.

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Iberdrola
Windkraft: Der Versorger Iberdrola investiert stark in erneuerbare Energien

Kritische Infrastruktur

Europäische Energieversorger stehen an der Börse hoch im Kurs. Deren Dienste werden auch durch die KI-Revolution immer wichtiger, weil Rechenzentren enorm viel Strom verbrauchen. Die Branche ist damit Megatrendgewinner. Ein Dauerfavorit der Redaktion ist Iberdrola. Die Spanier sind stark im Bereich der erneuerbaren Energien, insbesondere Windkraft. Ebenfalls zum Kerngeschäft gehört der Betrieb von Stromnetzen.

Regionaler Schwerpunkt ist natürlich Spanien, aber auch Brasilien, Großbritannien und die USA sind für Iberdrola signifikante Märkte. Die Schweizer Bank UBS traut Iberdrola bis zum Jahr 2028 jährliche Gewinnsteigerungen von rund zehn Prozent zu. Damit wäre der Analystenkonsens mit rund sieben Prozent Wachstum zu niedrig, was der Aktie weiter Potenzial geben sollte.

Wichtige Infrastruktur liefert auch Prysmian. Die Italiener sind Hersteller von Kabelsystemen für Energie- und Telekomnetze. Dabei geht es vor allem um Stromverbindungen, die sehr viel Strom über große Distanzen transportieren, unter der Erde oder auch unter dem Meer. Wind­räder weit draußen im Meer verbindet Prysmian mit Stromnetzen an Land. Um Projekte auf See zu realisieren, betreibt das Unternehmen eine eigene Flotte an Spezialschiffen. Strom- und Datennetze sind Teil der kritischen Infrastruktur: Prysmian sollte damit von Investitionen in Stromnetze, erneuerbare Energien und Digitalisierung profitieren. Das Unternehmen dürfte zuverlässige Gewinnsteigerungen von rund zehn Prozent jährlich liefern. Die neuesten Quartalsergebnisse waren für den 26. Februar angekündigt, also nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe. Die Investmentbank JP Morgan hebt drei potenzielle Kurstreiber hervor: den Netzausbau in Europa, Elektrifizierung und Produktionsverlagerung in die USA sowie einen starken Cashflow.

Siemens ist mit seinen drei Hauptsparten an wichtigen Knotenpunkten positioniert: Digital Industries hilft Kunden, ihre Produktion stärker zu automatisieren und zu digitalisieren. Der Bereich Smart Infrastructure liefert Technik und Systeme, die Stromverteilung und Netzbetrieb robuster machen — also kritische Infrastruktur stärken. Die Bahnsparte Mobility profitiert von Investitionen in Verkehrssysteme, die wichtiger Teil der Lieferketten sind. Siemens ist — wie viele europäische Unternehmen — international aufgestellt. Mehr als ein Viertel des Umsatzes kam im vergangenen Jahr aus den Vereinigten Staaten. „Die USA sind unser größter Markt. In den vergangenen 20 Jahren haben wir mehr als 100 Milliarden US‑Dollar in den USA investiert. Unsere Kunden in den USA wollen ihre kritische Infrastruktur stärken, Produktion ins Land zurückholen und KI weiter ausbauen“, betont Konzernchef Roland Busch.

Großes Portfolio

Das Investmentthema können Börsianer über Fonds mit einem großen Aktienportfolio abdecken. Die Vermögensverwaltung Amundi etwa bietet einen ETF, den European Strategic Autonomy (WKN: ETF288), der in über 200 Unternehmen aus zehn Branchen investiert, die für die „Souveränität und Widerstandsfähigkeit Europas“ von großer Bedeutung sind. Der Aktienfonds Empower Europe (WKN: A41EN1) von Nordea Asset Management verfolgt einen ähnlichen Ansatz, setzt bei 69 Unternehmen aber auf ein stärker konzentriertes Portfolio. 

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Dieser Artikel stammt aus BÖRSE ONLINE 10/2026

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