Yves Padrines

Der Ex-Cisco-­Manager ist seit 2022 Nemetscheks CEO. Kürzlich lieferte er einen besonderen Zukauf. Im Intreview mit BÖRSE ONLINE erklärt er, wie Künstliche Intelligenz zu einer Sieger­formel für sien werden soll.

Erstmals hat der Münchner MDAX-Konzern Nemetschek im vergangen Jahr mehr als eine Milliarde Euro Umsatz erreicht. Die Software der einstigen Neue-Markt-Firma und des heutigen MDAX-Konzerns deckt die digitale Wertschöpfung mit Architektur und Bau komplett ab, vom Entwurf bis zur digitalen Verwaltung komplexer Gebäude. Vor wenigen Tagen gelang Chef Yves Padrines ein spektakulärer Milliardendeal. Allerdings wird auch Europas Marktführer an der Börse vom Abwärtsstrudel in der Softwarebranche erfasst.

Börse Online: Herr Padrines, seit ­August hat die Aktie von Nemetschek mehr als 50 Prozent eingebüßt. Anleger befürchten, dass Entwickler der Sprachmodelle künstlicher Intelligenz (KI), vor allem die auf Firmenkunden fokussierte Firma Anthropic, die Geschäftsmodelle von Softwarefirmen verändern werden. Was erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Yves Padrines: Wir sind überzeugt, dass die strukturellen Wachstumstreiber in unseren Märkten unverändert intakt sind. Die Software der KI-Sprachmodellentwickler kann die Expertise der Softwareentwickler in unseren Märkten nicht ersetzen. Dank unserer Domänenexpertise, des Zugangs zu Daten entlang des gesamten Gebäudelebenszyklus, starker Netzwerkeffekte und der engen Integration in die Workflows unserer Kunden sind wir optimal positioniert, um KI in unsere Lösungen zu integrieren. Dazu kommt unsere jahrzehntelange Erfahrung mit spezifischen Regularien in Ländern und Regionen bei der Nutzung der Daten.

Einige Ihrer Kunden könnten Werkzeuge von Anthropic und Co auch selbst testen.

Viele unserer Mitarbeiter sind ehemalige Architekten, Statik-Ingenieure, Experten im Bau und in der Verwaltung von Objekten. Sie kennen die Bedürfnisse unserer Kunden deshalb genau. Unser größter Vorteil gegenüber den großen KI-Firmen ist das gewachsene Vertrauen der Kunden. In unseren Märkten, wo wir sehr viele sehr kleine und mittelgroße Firmen als Kunden haben, ist das entscheidend. Der Nachholbedarf bei der Digitalisierung ist im Vergleich zu anderen Branchen nach wie vor sehr groß. Wir nutzen die KI von Anthropic und Co und ergänzen sie in unseren Produkten mit eigenen KI Features. Am Ende wird es Gewinner und Verlierer bei KI geben. Unsere Kunden und auch unsere Investoren werden mittelfristig Nemetschek als Gewinner bei KI einordnen können.

Sind KI-Sprachmodelle für Nemetschek ein Universalwerkzeug, um die Technologie auf die Branche bezogen auszubauen?

Ja. Darauf aufbauend entwickeln wir eigene KI-Plattformen und Agenten, die eine umfassende Analyse und Nutzung großer Datenmengen über den gesamten Gebäudelebenszyklus hinweg ermöglichen – von der Planung und dem Bau bis zum Betrieb und Management von Objekten.

Wie geht Nemetschek vor?

Auch mit Übernahmen, wie 2025 der Kauf von Firmus AI. Das Start-up entwickelt KI für zeichnungsbasierte Entwurfsprüfung. Das wertet unsere Lösungen auf. Firmus-AI-Werkzeuge sind bei unserer großen Marke Bluebeam ein Teil des KI-Package Bluebeam Max, das digitale Prozesse in der Planung und Dokumentation optimiert und beschleunigt.

Wie nutzen Kunden Nemetscheks KI?

Einige KI-Features sind in den Basispaketen enthalten, damit Kunden mit der Nutzung der Technologie vertraut werden. Umfangreichere Funktionen sind in Premium­modellen oder in ausschließlichen KI-Paketen.

Laut dem Marktforscher IDC liegt Nemetscheks Umsatzanteil mit Software als Dienstleistung via Cloud (SaaS) nur bei 18 Prozent. Ist Nemetschek damit durch die großen KI-Entwickler weniger gefährdet als Unternehmen wie Salesforce mit hundert Prozent SaaS?

Beim Thema KI ist das Vertriebsmodell für uns nicht entscheidend, sondern die Tiefe der Branchenexpertise und der Kundenbeziehungen. Im KI-Zeitalter verschaffen uns der Zugang zu den industrierelevanten Daten, unsere Domänenexpertise und das Vertrauen unserer Kunden einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Nemetschek (WKN: 645290)

Mit dem Kauf der US-Bausoftware-Firma HCSS aus dem Portfolio des Software-­Private-Equity-Konzerns Thoma Bravo hat Nemetschek viel gewagt. Bloomberg schätzt den Deal auf zwei Milliarden Euro. Das ist ein Viertel von Nemetscheks Börsenwert. HCSS schafft mit gut 200 Millionen Dollar Umsatz 40 Prozent Ebit-Marge, ein Spitzenwert in der Branche. Seit wann hatten Sie HCSS auf der Liste?

Seit 2022, als ich zu Nemetschek kam. Thoma Bravo hatte damals HCSS aber gerade erst gekauft. Wir blieben im Gespräch. Unser Bluebeam-Team und HCSS, beides große Marken in Nordamerika, kennen sich lange.

Was macht HCSS, was sind die Stärken?

Die Firma ist in Nordamerika Marktführer bei Bausoftware für große Infrastruktur- und Tiefbauprojekte wie Flughäfen, Brücken, Tunnel, Straßen oder Industrieanlagen für Rohstoffrecycling und Ähnliches. Mit mehr als 4.000 Kunden ist HCSS bisher nur in Nordamerika präsent. Kunden sind überwiegend größere Unternehmen. Viele nutzen auch unsere Bluebeam-Software.

Was bedeutet HCSS jetzt für Bluebeam?

Große Unternehmen liefern nur ein Viertel der Bluebeam-Erlöse. Drei Viertel, die kleinen und mittleren Firmen, sind nun potenzielle, künftige Kunden von HCSS. Die Firma wird zudem nach Europa expandieren. Mit uns kann HCSS jetzt seine Produkte den

verschiedenen Regularien in Europa anpassen — in Deutschland rechtzeitig zur geplanten Investitionsoffensive in Infrastruktur.

Entsprechen Bloombergs Schätzungen zum Deal, rund zwei Milliarden Euro und das 20-Fache des operativen Gewinns (Ebita), ungefähr der Transaktion?

Ich möchte keine Zahl kommentieren. Entscheidend ist für uns: Die Transaktion ist durch die Struktur eines Joint Ventures mit einer Beteiligung von Thoma Bravo an ­Nemetscheks Build-Sparte so gestaltet, dass wir unsere Handlungsfreiheit behalten: ohne Kapitalerhöhung und unverändert mit der vollständigen operativen Kontrolle im Geschäft, einschließlich der vollständigen Konsolidierung von HCSS. In einem Bieterverfahren wäre das nicht möglich gewesen, und der Deal wäre voraussichtlich viel teurer gekommen.

Ist HCSS’ 40-Prozent-Ebitda-Marge höher als die von Nemetscheks Build-Sparte?

Ja. Aktuell kommt Build auf mehr als 35 Prozent Ebitda-Marge. Bis 2028 sollte die Marge bei dann deutlich mehr als einer Milliarde Euro Spartenumsatz auf rund 40 Prozent steigen. Nemetschek hat 2025 erstmals mehr als eine Milliarde Euro umgesetzt. Das zeigt das riesige Potenzial, das vor uns liegt.

Ein Börsengang der Build-Sparte ist eine Option für einen Ausstieg von Thoma Bravo. Was würde das für Nemetschek bedeuten?

Unser Geschäftsmodell bleibt unverändert. Wir würden voraussichtlich keine eigenen Aktien der Sparte verkaufen. Aber der IPO ist nur eine von mehreren Exit-Optionen.

Mit HCSS dürfte Nordamerika bald mehr als die Hälfte des Umsatzes liefern?

Ja genau. Nordamerika ist ein sehr großer Markt mit stärkerem Wachstum als Europa.

Wie geht es bei den Zukäufen weiter?

Wir sind vor allem an KI-Spezialisten interessiert und wollen die Zukäufe weitgehend aus unserem operativen Cashflow finanzieren. In den vergangenen dreieinhalb Jahren haben wir immerhin in 16 Startups investiert. Akquisitionen bleiben ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen BÖRSE ONLINE-Ausgabe 20/2026

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