Eigentlich müsste Gold derzeit stark gefragt sein. Doch der Goldpreis zeigt sich überraschend träge. Einige Wechselwirkungen scheinen derzeit außer Kraft gesetzt zu sein. So sollten Anleger darauf reagieren.

Der Krieg im Nahen Osten, Angriffe auf Ölinfrastruktur und die drohende Blockade der Straße von Hormus sorgen für enorme geopolitische Unsicherheit. In solchen Phasen fungiert die Krisenwährung Gold traditionell als sicherer Hafen. Obwohl die geopolitischen Spannungen eskalieren, bleibt das Edelmetall derzeit aber deutlich hinter den Erwartungen vieler Anleger zurück. Ein Blick auf die jüngste Marktentwicklung zeigt den Widerspruch besonders deutlich: Seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten ist der Ölpreis um rund 53 Prozent gestiegen. Auch der Dollarindex legte um etwa 2,5 Prozent zu, während die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen von 3,95 auf 4,28 Prozent kletterte. Gold dagegen verlor in diesem Zeitraum über drei Prozent an Wert und konnte seine Rolle als Krisenprofiteur bislang nicht erfüllen.

Drei Entwicklungen bremsen den Goldpreis

Ein wichtiger Grund für die aktuelle Schwäche des Edelmetalls liegt in der Entwicklung der Zinsen. Gold wirft selbst keine laufenden Erträge ab. Steigen die Renditen von Staatsanleihen, werden verzinsliche Anlagen für Investoren attraktiver. Genau dieser Effekt ist derzeit zu beobachten. Die stark gestiegenen Ölpreise nähren neue Inflationssorgen und könnten dazu führen, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik länger restriktiv hält. Für den Goldmarkt ist das ein entscheidender Faktor. Höhere Zinsen erhöhen die sogenannten Opportunitätskosten des Edelmetalls. Anleger können ihr Kapital stattdessen in Staatsanleihen investieren und dort eine Verzinsung erzielen. Der Zinsanstieg wirkt daher oft wie eine Bremse für den Goldpreis – auf lange Sicht allerdings nur, wenn die Inflation geringer ausfällt als die Rendite auf Anleihen.

Ein zweiter wichtiger Faktor ist der starke US-Dollar. Gold wird weltweit in Dollar gehandelt. Derzeit wertet die US-Währung auf, dadurch wird das Edelmetall für Käufer außerhalb des Dollarraums teurer. Das kann die Nachfrage dämpfen und den Preis kurzfristig unter Druck setzen. Die Kombination aus steigenden Ölpreisen, höheren Renditen und einem festen Dollar hat deshalb dazu geführt, dass Gold seit Beginn des Konflikts kaum von der geopolitischen Unsicherheit profitieren konnte.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Gold profitierte bislang von der Aussicht auf eine Politik des billigen Geldes. Doch die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen in den USA sind in den vergangenen Wochen deutlich gesunken. Das FedWatch-Tool der Terminbörse CME Group zeigt aktuell nur noch eine 27-prozentige Wahrscheinlichkeit an, dass die US-Notenbank bereits Ende Juli niedrigere Leitzinsen beschließt. Für eine Lockerung bis Mitte September wird eine Wahrscheinlichkeit von 34 Prozent angezeigt. Noch vor vier Wochen sah das völlig anders aus. Damals lagen diese Wahrscheinlichkeiten bei 82 Prozent beziehungsweise 92 Prozent. Die Märkte hatten also fest mit einer raschen Lockerung der Geldpolitik gerechnet. Inzwischen hat sich diese Erwartung stark relativiert. Zinshoffnungen sehen anders aus – und genau dies belastet derzeit den Goldpreis.

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Nach einer historischen Rallye ist eine Pause normal

Zudem darf man die Entwicklung der vergangenen Monate nicht ausblenden. Gold und Silber hatten zuvor eine außergewöhnliche Rallye hinter sich. Gold legte in den vergangenen zwölf Monaten um 70 Prozent zu. Silber stieg im selben Zeitraum sogar um rund 140 Prozent. Nach einer solchen Hausse ist eine Phase der Konsolidierung keineswegs ungewöhnlich. Viele Investoren sichern Gewinne oder warten auf neue Impulse. Die derzeit eher seitwärts gerichtete Bewegung des Goldpreises sollte daher auch als normale Marktphase nach einer starken Rallye interpretiert werden.

Trotz der kurzfristigen Schwäche bleiben viele große Banken für Gold langfristig optimistisch. Mehrere Institute erwarten weiterhin steigende Preise. Prognosen sehen das Edelmetall in den kommenden Jahren teilweise deutlich höher notieren. Einige Marktanalysen gehen davon aus, dass Gold bis Ende 2026 sogar Preise im Bereich von 6.000 bis 6.300 Dollar pro Unze erreichen könnteDer Hintergrund: Die strukturellen Preistreiber für Gold sind nach wie vor intakt. Dazu zählen hohe Staatsverschuldung, geopolitische Spannungen, eine zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft sowie eine weiterhin hohe Nachfrage durch Zentralbanken.

Fazit: Auch wenn der Goldpreis derzeit trotz geopolitischer Krisen nicht deutlich steigt, droht kein langfristiger Trendwechsel nach unten. Langfristig bleiben nämlich viele fundamentale Faktoren goldfreundlich. Die geopolitische Unsicherheit, wachsende Inflationsrisiken und die Nachfrage institutioneller Investoren sollten den Goldpreis weiterhin unterstützen. Die aktuelle Seitwärtsbewegung dürfte daher eher eine Atempause im übergeordneten Aufwärtstrend sein als das Ende der Goldhausse.

Gold (ISIN: XC0009655157)

Häufige Fragen zu Gold

Was sind die größten Vorteile von Gold?

In physischer Form besitzt Gold kein Kontrahentenrisiko und gilt seit Generationen als wirksamer Krisen-, Vermögens- und Inflationsschutz. Im Gegensatz zu den beiden wichtigsten Anlageklassen Aktien und Anleihen kann man mit Goldmünzen und -barren sowie bestimmten Gold-ETCs nach einer Haltedauer von einem Jahr steuerfreie Kursgewinne realisieren.

Und was spricht möglicherweise gegen Gold?

Gold zahlt weder Zinsen noch Dividenden und kann lediglich durch eine wachsende Wertschätzung Renditen erzielen. Außerdem fallen bei sicherer Verwahrung von physischem Gold Lagerkosten an.

Sind bei allen in Deutschland handelbaren Gold-ETCs realisierte Kursgewinne nach einer Haltedauer von einem Jahr steuerfrei?

Nur, wenn deren Konstruktion ein physisches Hinterlegen des Goldes vorsieht und ein Lieferanspruch besteht. Vor dem Kauf unbedingt beim Emittenten des Papiers informieren.

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