Gold gilt seit Generationen als sicherer Hafen. In Krisenzeiten fliehen Anleger traditionell aus riskanten Anlagen wie Aktien in Sachwerte, allen voran Gold. Zuletzt litt die Krisenwährung aber unter erheblichem Verkaufsdruck.
Gold als sicheren Hafen zu nutzen, ist in der Finanzkultur tief verankert: Gold schützt vor Inflation, Währungsabwertung, geopolitischen Schocks und dem wachsenden Vertrauensverlust in das globale Finanzsystem. Nachdem sich der Goldpreis in nur zwei Jahren mehr als verdoppelt hat, fragen sich viele verunsicherte Anleger, ob derzeit eine Flucht in Gold unter Timingaspekten Sinn macht?
Hohe Volatilität gilt als Warnung
Um die gegenwärtigen Risiken zu beleuchten, lohnt sich ein Blick auf zwei wichtige CBOE-Volatilitätsindizes: den VIX (S&P-500) und den GVZ (Gold). Der VIX, wird als „Risikobarometer“ für den US-Aktienmarkt wahrgenommen und misst die erwartete Volatilität von Optionen auf den S&P 500. Er gibt damit Auskunft darüber, welche Kursschwankungsintensität die Märkte beim breiten US-Aktienmarkt erwarten. Der GVZ erfüllt eine ähnliche Funktion, jedoch für den Goldmarkt: Er basiert auf diversen Optionen auf den weltgrößten Gold-ETF SPDR Gold Shares und spiegelt damit die erwartete Schwankungsbreite des gelben Edelmetalls wider. Beide Indizes gelten als aussagekräftiger als historische Volatilitäten, weil sie zukunftsgerichtet sind. Sie zeigen nicht, wie stark ein Markt in der Vergangenheit geschwankt hat, sondern wie viel Unsicherheit Marktteilnehmer aktuell erwarten – und diese Erwartungen sind oft hilfreich für konkrete Investitionsentscheidungen.
Historisch lagen VIX und GVZ in den Jahren 2023 und 2024 auf ähnlichem Niveau. In ruhigen Marktphasen bewegten sich beide vergleichsweise niedrig, in Krisenzeiten stiegen sie gemeinsam an. Allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen – Aktien tendierten bergab und der Goldpreis bergauf. Dieses Gleichlaufverhalten spiegelte die traditionelle Sichtweise wider: Wenn die Aktienmärkte nervös werden, steigt auch die Unsicherheit rund um Gold, das dann als Absicherung nachgefragt wird. Doch seit einigen Monaten hat sich dieses Muster verändert. Der GVZ (35,5 Prozent) liegt nun deutlich über dem VIX (21,8 Prozent). Diess bedeutet, dass der Optionsmarkt für Gold aktuell höhere Schwankungen erwartet als für den breiten US-Aktienmarkt.
Ist Gold tatsächlich riskanter als US-Aktien?
Aus rein finanzmathematischer Sicht führt diese Entwicklung zu einer überraschenden Schlussfolgerung: Gold erscheint derzeit riskanter als ein Investment in den S&P 500 zu sein. Wer Risiko als die erwartete Volatilität eines Assets definiert, müsste also sagen, dass Gold momentan die volatilere, unsicherere Anlage ist. Diese Sichtweise widerspricht jedoch dem Bauchgefühl vieler Anleger und der jahrhundertealten Rolle des Edelmetalls als „Vermögensschutz“.
Genau hier lohnt sich eine kritische Einordnung. Volatilität ist nicht gleichbedeutend mit fundamentaler Unsicherheit oder langfristigem Wertverlust. Gold mag kurzfristig stärker schwanken, doch es besitzt Eigenschaften, die Aktien nicht haben. Es ist kein Unternehmensanteil, hängt nicht von Gewinnzahlen bzw. Managern ab und ist nicht von politischen Entscheidungen einzelner Länder abhängig. Vor allem aber hat Gold eine einzigartige historische Beständigkeit: Seit Jahrtausenden wird es als Wertspeicher genutzt, kann weder kostengünstig noch unbegrenzt vermehrt werden und hat noch nie einen Totalverlust erlitten.
Hinzu kommt seine „normalerweise“ negative Korrelation zu Aktienmärkten. In Zeiten schwerer Börsencrashs steigt Gold häufig oder verliert zumindest deutlich weniger als Aktien. Genau diese Eigenschaft macht es zu einem Stabilitätsanker in stürmischen Zeiten – unabhängig davon, was kurzfristige Volatilitätsindizes anzeigen.
Fazit: Gold ist heute vielleicht nicht mehr ganz so „sicher“ wie vor zwei oder drei Jahren. Die Preisbewegungen sind stärker, spekulative Zuflüsse größer und die Abhängigkeit von globalen Finanzmärkten ausgeprägter. Doch sein grundlegender Charakter als Schutzschild gegen systemische Risiken bleibt weiterhin bestehen. Gold mag schwanken – aber es verschwindet nicht. Und genau das unterscheidet es auch weiterhin von Aktien.
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