In den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Goldpreis auf den ersten Blick widersprüchlich entwickelt: Obwohl die Inflation in vielen Volkswirtschaften deutlich zurückgegangen ist, kletterte der Preis für das gelbe Metall auf immer neue Rekordstände.

Dieses Verhalten widerspricht der klassischen Kapitalmarktlehre, wonach Gold vor allem dann glänzt, wenn die Teuerung steigt. Noch bemerkenswerter ist, dass Gold selbst auf inflationsbereinigter Basis inzwischen deutlich über seinem historischen Rekord aus den 1980er-Jahren notiert. Hätte das Metall seit damals lediglich den Kaufkraftverlust ausgeglichen, müsste es heute eher bei rund 3.600 Dollar notieren (aktuell: 5.032 Dollar). Rein aus dieser Perspektive erscheint Gold also „zu teuer“. Doch diese Betrachtung greift zu kurz.

Vom Inflationsschutz zur Krisenversicherung

Traditionell gilt Gold als Absicherung gegen Inflation, weil es im Gegensatz zu Papiergeld nicht beliebig vermehrbar ist. In früheren Jahrzehnten korrelierte Gold deshalb häufig mit steigenden Verbraucherpreisen oder mit Phasen negativer Realzinsen (Inflation höher als Zinsen). Dieses Muster hat sich jedoch in den vergangenen Jahren zunehmend aufgelöst. Die jüngste Rallye trotz sinkender Inflation zeigt, dass andere Kräfte heute eine größere Rolle spielen als der reine Kaufkrafterhalt.

Ein zentraler Treiber ist die fortschreitende Entdollarisierung. Immer mehr Notenbanken – insbesondere aus den BRICS-Staaten – reduzieren ihre Dollarabhängigkeit und erhöhen stattdessen ihre Goldreserven. Hintergrund sind geopolitische Spannungen, Sanktionen und die Sorge, im Konfliktfall vom globalen Finanzsystem abgeschnitten zu werden. Gold bietet hier eine politisch neutrale Reserve ohne Abhängigkeit von westlichen Zahlungssystemen.Hinzu kommt ein Umfeld wachsender geopolitischer Risiken: Kriege, Handelskonflikte und ein zunehmend blockorientiertes Weltfinanzsystem erhöhen die Nachfrage nach einem sicheren, grenzenlosen Wertaufbewahrungsmittel. Während Finanzanlagen politischem Druck oder Regulierungen unterliegen können, bleibt Gold nahezu auf der ganzen Welt akzeptiert und handelbar.

Gleichzeitig haben explodierende Staatsschulden und strukturelle Haushaltsdefizite in vielen Industrieländern Zweifel an der langfristigen Bonität bedeutender Staaten und deren Währungen gesät. Investoren denken heute stärker in Szenarien extremer Risiken – von Währungsabwertung bis hin zu Finanzkrisen. In diesem Kontext gewinnt Gold als Absicherung gegen systemische Verwerfungen an Bedeutung.

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Gold (ISIN: XC0009655157)

Warum Investoren Gold heute anders bewerten

Bemerkenswert ist, dass der klassische Nachteil von Gold – es zahlt weder Zinsen noch Dividenden – derzeit kaum ins Gewicht fällt. Stattdessen überzeugen andere Eigenschaften: Gold ist extrem liquide, weltweit handelbar und besitzt kein Kontrahentenrisiko. Wer physisches Gold hält, ist nicht von Banken, Brokern oder staatlichen Versprechen abhängig. Es gibt kein Emittentenrisiko und damit auch kein Totalverlustrisiko durch Insolvenzen oder Zahlungsausfälle.

Kurzfristig bleibt Gold natürlich anfällig für technische Korrekturen. Überkaufte Märkte können hin und wieder zu scharfen Rücksetzern führen, was für Anleger ein erhebliches Timingproblem darstellt. Doch wer langfristig denkt, erkennt ein größeres Bild: In einer Welt mit geopolitischen Spannungen, hoher Verschuldung und schwindendem Vertrauen in nationale Währungen erfüllt Gold eine Rolle, die weit über reinen Inflationsschutz hinausgeht.

Fazit: Trotz möglicher Rückschläge bleibt Gold ein unverzichtbarer Bestandteil eines robusten Portfolios – nicht als Spekulation, sondern als Versicherung gegen ein unsicheres globales Finanzsystem – sozusagen als „Stabilitätsanker in stürmischen Zeiten".

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