Bahnt sich hier ein Trendbruch an? Gleich mehrere Softwarekonzerne fallen heute nach der Veröffentlichung ihrer Quartalszahlen um mehr als zehn Prozent. Was steckt dahinter?
Gleich mehrere große Softwarekonzerne sind am Donnerstag heftig unter Druck geraten. Die Aktien von Microsoft, SAP und Servicenow fielen um mehr als zehn Prozent. Langsam, aber sicher greift die Angst um sich, dass die künstliche Intelligenz (AI) auch etablierte und eigentlich fest verankerte Geschäftsmodelle in der Branche bedroht.
Zahlen gut, Aktien fallen
Selbst Microsoft, das mit seinen Quartalszahlen am Mittwochabend die Erwartungen übertroffen hatte, traf es heute. Höhere Ausgaben für KI-Rechenzentren und ein geringeres Wachstum der KI-Cloud-Dienste im Geschäftskundensegment als erwartet sorgten jedoch dafür, dass der Windows-Konzern trotzdem stark Federn lassen musste. Die Aktie notiert mittlerweile elf Prozent im Minus. Einige langjährige Beobachter sehen auf diesem Niveau bereits neue Einstiegschancen.
Eigentlich gilt Microsoft als Profiteur des KI-Geschäfts, da es dem Unternehmen als einem der wenigen Akteure bereits gelingt, seine KI-Dienste zu monetarisieren, indem es seinen Copiloten zusammen mit dem Office-365-Paket im Abo verkauft.
Auch der US-amerikanische Softwareanbieter ServiceNow lieferte solide Quartalszahlen und übertraf die Erwartungen sogar beim Abonnementumsatz. Dennoch fiel der Aktienkurs am Donnerstag um nahezu zehn Prozent. Die Marktreaktion zeigt, dass Anleger daran zweifeln, ob traditionelle Software-Geschäftsmodelle im KI-Zeitalter weiterhin funktionieren können. Diese Debatte hatte den Titel bereits in den vergangenen Monaten belastet.
SAP-Aktie mit Horror-Kursrutsch
Ähnlich erging es SAP, das am Donnerstagmorgen seine Jahreszahlen vorlegte – und danach um 15 Prozent baden ging. Es ist der höchste Tagesverlust seit Jahren. Obwohl SAP seine selbstgesteckten Ziele erreichte, drückten Investoren auf den „Verkaufen“-Knopf. Das Unternehmen will 2026 im Cloud-Segment zwar zwischen 23 und 25 Prozent wachsen, doch das reicht im aktuellen Verteilungskampf um die KI-Kunden nicht mehr aus.
Zudem schwelt die Debatte, ob neue Produkte von KI-Newcomern wie Antropic die installierte Basis von SAP-Systemen bald obsolet machen könnten. In den vergangenen Monaten wurden die Aktien vieler Software- und SaaS-Anbieter vom Markt deutlich abgewertet, da Investoren befürchten, dass generative KI und spezialisierte Modelle Teile der klassischen Lizenz- und Abonnementumsätze ersetzen oder zumindest drastisch verändern könnten.
Zudem fällt es einigen traditionellen Anbietern schwer, klare, profitable KI-Geschäftsmodelle zu präsentieren, die über normale Cloud- oder Produkt-Upgrades hinausgehen. SAP hat mit „Joule” zwar eine eigene KI-basierte Anwendung in petto, doch im Markt wächst die Sorge, dass die traditionellen Softwareanbieter den Wandel zu KI-basierten Lösungen nicht schnell oder profitabel genug gestalten können.
Wachsende Risikoaversion gegenüber dem Sektor
Die Schwäche von ServiceNow und SAP zog auch andere Softwarewerte nach unten. Titel wie Salesforce, Adobe und Datadog verloren am Donnerstag ebenfalls deutlich an Wert, was die wachsende Risikoaversion der Anleger gegenüber dem Sektor widerspiegelt. Der S&P 500 Software and Services Index verlor etwa 6,5 Prozent und liegt seit Wochen deutlich hinter dem breiten Markt zurück.
Der jüngste Kursrutsch bei Softwareaktien zeigt, wie stark die Ängste vor den wirtschaflichen Folgen des Disruption durch künstliche Intelligenz die Finanzmärkte derzeit prägen. Selbst gute Quartalszahlen reichen nicht mehr aus, um die Anleger zu überzeugen, wenn Zweifel an der langfristigen Widerstandsfähigkeit gegenüber der neuen KI-Konkurrenz bestehen.
Zwar glauben nicht wenige IT-Experten, dass der Abgesang verfrüht ist, da die Kunden der etablierten Konzerne ihre mühsam und teuer aufgebaute Softwarearchitektur samt Schnittstellen nicht so einfach ersetzen werden. Dennoch sollten Anleger vorsichtig sein. Denn die Zahl der Kritiker wächst täglich. Der heutige Kurssturz zeigt zudem, wie viel Vertrauen die Softwarebranche an der Börse bereits verspielt hat.
Jetzt schon wieder Microsoft kaufen?
Der einzige Wert aus dem oben genannten Ensemble, der für einen Einstieg spannend sein könnte, ist Microsoft. Doch auch diese Aktie hat seit ihrem Allzeithoch von 555 Dollar Ende Oktober innerhalb von nur drei Monaten fast 25 Prozent an Wert verloren. Daher sollten Anleger auch hier zunächst eine Bodenbildung abwarten.
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