Der Umbau des Konzerns ist voll im Gange. Die Aktionäre haben davon bereits stark profitiert - doch die Aktie scheint noch nicht ausgereizt zu sein.

Es ist eine Fabrik der Superlative. Die Fertigung bei Thyssenkruppin Duisburg gilt als größter Stahlstandort Europas. Erz und Kohle werden vorbereitet und im Hochofen zu Roheisen und Schlacke umgewandelt. In Konvertern wird Roh­eisen mit Schrott gemischt und Sauerstoff eingeblasen, Rohstahl entsteht. Dieses Geschäft betrieb der Konzern schon im 19. Jahrhundert. Erfolgreich war er in den vergangenen Jahren damit aber nicht.

Thyssenkrupp ist breiter aufgestellt. Es gibt neben dem Stahl noch Anlagenbau, Marineaktivitäten, Rohstoffhandel und Automobilzuliefergeschäft. Viele Bereiche verdienen seit Jahren ihre Kapitalkosten nicht. Deshalb hat der Konzern eine Neuaufstellung auf den Weg gebracht. Dabei soll der börsennotierte Konzern als Holding über rechtlich eigenständige Firmen wachen. So lassen sich die Investitionen dorthin lenken, wo sie den besten Ertrag versprechen. Und Bereiche, die sich unter anderer Eigentümerschaft besser entwickeln könnten, werden abgegeben.

Andere Firmen wie Siemens und zuletzt auch Continental haben vorgemacht, dass durch die Verselbstständigung Werte gehoben werden können. Und das spürt nun auch Thyssenkrupp. In einem bedeutenden Schritt hat der Konzern vergangenen Herbst Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) an die Börse abgespalten, die Hälfte der Anteile an die Aktionäre des Konzerns übertragen. Vor dem Listing errechneten Analysten einen Wert der Marineaktivitäten von zwei Milliarden Euro. Heute sind die bei der Mutter verbleibenden Aktien gut drei Milliarden Euro wert.

Tyssenkrupp - Chart - Infobox
BO Data/smallcharts

Diese Wertsteigerungen gingen natürlich am Aktienkurs von Thyssenkrupp nicht vorüber. Nach dem Ausverkauf 2024 hat sich der Kurs vervielfacht. Und selbst nach diesem beachtlichen Comeback scheint der Wert noch nicht ausgereizt zu sein. Das große Reinemachen wird noch weitere Reserven heben. Die Rechnung: Thyssenkrupp ist an der Börse 6,3 Milliarden Euro wert. Der Anteil an TKMS deckt davon schon drei Milliarden ab.

Dazu kommt TK Elevator. Das Aufzuggeschäft hatte der Konzern 2020 verkaufen müssen, um Schulden abzubauen. Es wurde ein Anteil von 16,2 Prozent behalten. Bei den Mehrheitseigentümern des Auf­zugherstellers scheint es ausgemachte Sache zu sein, dass die Gesellschaft an die Börse gebracht werden soll. Der große Wettbewerber Schindler aus der Schweiz bringt es auf einen Börsenwert von umgerechnet 34 Milliarden Euro. Da scheinen 20 bis 23 Milliarden Euro, die im Vorfeld einer Notierung als möglicher Börsenwert kolportiert wurden, nicht zu hoch gegriffen. Selbst am unteren Ende der Spanne wäre der Anteil 3,2 Milliarden Euro wert.

Die Substanz liegt meilenweit über dem Börsenwert ... eigentlich

Heißt: TKMS und Aufzugbeteiligung decken den Börsenwert nahezu ab. Dazu gibt es noch ein Nettofinanzguthaben von 4,9 Milliarden Euro, 50 Prozent der Anteile von Thyssenkrupp Nucera, einen profitablen Rohstoffhandel und eine Top-Marktposition beim Autozulieferergeschäft.

Die Auflistung zeigt eine Substanz, die meilenweit über dem Börsenwert liegt. Die Auflösung dieser Ungleichung liegt beim Stahlbereich. Hier gibt es zum einen Pensionsrückstellungen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro. Zudem stehen hohe Investitionen an, um die Produktion klimafreundlicher zu machen. Das Urteil der Börse ist: Der Stahlbereich wird die Milliardenüberschüsse in der Bewertung absorbieren. Doch was, wenn nicht? Der Konzern wird das Geschäft verkaufen.

Und mit Jindal Steel steht auch ein potenzieller Käufer parat. Die Belegschaft hat sich auf eine Restrukturierung geeinigt. Die Bedingungen haben sich zudem verbessert. Die EU verbesserte die Wettbewerbsfähigkeit von europäischem Stahl durch Zölle deutlich. Das EU-Zollregime erhöht auch den Druck auf Jindal, in der EU mit eigenen Kapazitäten vertreten zu sein. Es würde nicht überraschen, wenn Thyssenkrupp sich zu besseren Bedingungen vom Stahlbereich trennen, den Bereich entkonsolidieren und die Pensionslasten auf der Zeitachse strecken kann. Der Standort Duisburg wird weiterhin Erz und Kohle verarbeiten. Die Aktionäre sind aber besser dran.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von BÖRSE ONLINE

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