Die Kurse vieler Wasserstoffunternehmen gingen in die Knie. In der zweiten Reihe finden sich jedoch interessante Titel – und geniale Einstiegschancen

Es ist gerade mal gut zwei Wochen her, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck seinen Plan für ein Wasserstoffnetz in Deutschland vorgestellt hat. Ein Leitungsnetz mit einer Länge von 9700 Kilometern soll entstehen. Quer durch die Republik soll es Häfen, Industrie, Speicher und Kraftwerke verbinden. Die Kosten sollen rund 20 Milliarden Euro betragen. Bei etwas mehr als der Hälfte könnten bestehende Erdgasröhren zum Einsatz kommen, für den Rest braucht es neue Leitungen.

Doch auf dem Weg gibt es mächtige Hindernisse. Etwa das 60-Milliarden-Euro-Loch im Haushalt, das sich nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aufgetan hat. Der Streit um die Schuldenbremse ist in vollem Gange. Unklar ist, wo gespart werden soll. Entsprechend hoch ist die Unsicherheit in der Branche. Habeck beharrt jedenfalls auf der grünen Wende. Will Deutschland bis zum Jahr 2045 tatsächlich klimaneutral sein, drängt die Zeit. Dazu kommt, dass der Staat seit dem russischen Angriffskrieg autarker von russischem Gas werden will. Aktuell werden vor allem Geschäfte mit Norwegen forciert. Das betrifft Gaslieferungen, aber auch die Lieferung von Wasserstoff. Ziel ist es, 30 bis 50 Prozent selbst zu produzieren. Der Rest soll importiert werden — vornehmlich aus Skandinavien.

Trotz der aktuell schwierigen Haushaltslage einiger Staaten werden die Prognosen für die Nutzung grünen Wasserstoffs angehoben: Laut einer Studie der Beratung Deloitte soll der weltweite Umsatz im Jahr 2030 von 642 Millionen Dollar bis 2050 auf 1,4 Billionen klettern. Dass grüner Wasserstoff, also jener, der mithilfe erneuerbarer Energie erzeugt wird, eine große Zukunft hat, davon ist auch die Beratungsgesellschaft McKinsey überzeugt: Die Experten dort gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2030 sechs Gigatonnen, sprich sechs Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid eingespart werden könnten und Arbeitsplätze für bis zu 30 Millionen Menschen geschaffen werden. Vor allem in der chemischen Industrie, im Schiffsverkehr und zum Teil auch im Schwerlastverkehr wird der Energieträger dann eingesetzt.

Wasserstoff-Aktien: Nel Asa und Plug Power sacken ab

An der Börse ist der Hype um die sogenannten Pure Plays, also Unternehmen, die sich ausschließlich mit Wasserstoff beschäftigen, längst verflogen. Firmen wie die einst gefeierte Plug Power sind schwer angeschlagen. Von der Herstellung von Elektrolyseuren und Brennstoffzellen über die Produktion von grünem Wasserstoff bis zur Distribution will das Unternehmen künftig alles abdecken.

Allein in diesem Jahr sackte der Aktienkurs um rund 80 Prozent ab. Zuletzt hieß es, man gehe davon aus, dass die vorhandenen Barmittel und die zur Veräußerung verfügbaren Wertpapiere nicht ausreichen werden, um die kommenden zwölf Monate zu finanzieren. Seit Anfang Januar verbrannten die US-Amerikaner hundert Millionen Dollar. Um an frisches Kapital zu kommen, ist es sehr wahrscheinlich, dass in den kommenden Monaten eine Kapitalerhöhung vonnöten ist. Weil die Erzeugung, der Transport und die Speicherung immer noch viel Geld kosten, wäre eine Produktion in großem Maßstab wichtig. Aktuell fehlt diese jedoch. Es gibt zwar sehr viele Förderprogramme weltweit, doch die Mittel reichen nicht aus, um das Geschäft profitabel zu machen.

Das sieht man auch an der Bilanz von Nel ASA: Noch immer ist diese tiefrot. Dabei sind die Norweger ein alteingesessenes Unternehmen, das seit knapp 100 Jahren besteht und in mehr als 80 Länder über 3500 Elektrolyseure verkauft hat. Hierbei handelt es sich um Anlagen, die mithilfe von Strom Wassermoleküle in Wasserstoff- und Sauerstoffgase spalten. Der Umsatz kletterte im dritten Quartal zwar um rund 120 Prozent auf 34 Millionen Euro, doch die Analysten hatten mehr erwartet. Zudem lag der Auftragseingang um mehr als die Hälfte unter dem des Vorjahres. Auch bei den Skandinaviern ist der Höhenflug an der Börse längst vorbei. Anleger sollten auch hier erst mal an der Seitenlinie die weitere Entwicklung abwarten.

Mehr Erfolg verspricht künftig die Thyssenkrupp-Tochter Nucera. Im Sommer dieses Jahres kam sie an die Börse. Auch bei ihr kommt der Aktienkurs nicht in Fahrt: Zu 20 Euro auf den Markt gekommen, notiert sie aktuell bei 16,50 Euro. Die Dortmunder haben jahrzehntelange Erfahrung mit Planung, Entwicklung und dem Bau großer Anlagen. Aufgeteilt ist das Geschäftsmodell in zwei Felder: den klassischen Chlor-Alkali-Bereich, in dem der Konzern innerhalb der vergangenen 50 Jahre weltweit 600 Elektrolyseprojekte realisierte. Hier wird vor allem Chlorgas und Natronlauge für die chemische Industrie hergestellt. Die wachstumsstärkere, bislang jedoch defizitäre Sparte ist die für Elektrolyseure zur Herstellung von grünem Wasserstoff. Weil bereits im vergangenen Jahr das Großprojekt NEOM in den Büchern stand, lag der Auftragseingang in den ersten neun Monaten hier jedoch deutlich unter dem Niveau des Vorjahres. In Saudi-Arabien wird aktuell ein politisch nicht unumstrittenes riesiges Projekt realisiert. Auf einer Gesamtlänge von 170 Kilometern sollen auf einer schnurgeraden Strecke Hochhäuser gebaut werden, die einmal neun Millionen Menschen beherbergen und komplett mit erneuerbarer Energie versorgt werden sollen. Hierfür liefert Nucera Elektrolyseure.

Trotz Auftragsflaute kletterte der Umsatz kräftig, weil dieser je nach Abwicklung des Auftragsbestands verbucht wird. Auch ein großes Projekt in Schweden soll dafür sorgen, dass der Auftragseingang wieder steigt. Für H2 Green Steel will Nucera standardisierte 20-Megawatt-Elektrolyse-Module für eine installierte Leistung von mehr als 700 Megawatt liefern. Damit soll eine der größten Wasserelekrolyse-Anlagen in Europa entstehen. Für die Versorgung der Anlage sollen dann Wasser und Windkraft sorgen. Letztlich war das Ergebnis vor Zinsen und Steuern für das vierte Quartal leicht positiv. Weiterhin sollte das Unternehmen vom Trend zum grünen Wasserstoff proftieren. Und sollte sich mal ein Projekt verzögern, bleibt noch das Brot- und Buttergeschäft.

Wasserstoff auf den zweiten Blick

Noch gehört der Transport von Wasserstoff nicht zum Kerngeschäft von Gaztransport & Technigas, kurz GTT. Die Franzosen lösen Probleme der Energielogistik und entwickeln Tanks für den Transport von Flüssiggas. Die sogenannten Membrantanks werden an die Schifform angepasst und ermöglichen den Transport großer Mengen. Hier hat der Konzern ein Alleinstellungsmerkmal. Weil es sich um eine sehr explosive Fracht handelt, sind die Kunden vorsichtig und wollen kein Risiko eingehen. Der Marktanteil von GTT liegt hier bei nahezu 100 Prozent. Der Konzern fungiert als eine Art Ingenieurdienstleister, unterstützt die Werften bei Softwarelösungen, der Routenplanung und letztlich beim Bau der Schiffe. Mit einer Marge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von rund 50 Prozent ist GTT hochprofitabel und die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Was künftig dazukommt, ist der Transport von Wasserstoff. Weil dieser über sehr weite Strecken nicht als Gas transportiert werden kann, muss er verflüssigt werden. Auch hier sind die Anforderungen enorm, deswegen dürfte GTT dann auch der erste Ansprechpartner sein, wenn es darum geht, diesen über weite Strecken über die Meere zu schippern. Mit seiner Tochter Elogen hat der Konzern auch eine eigene Gesellschaft für Elektrolyseure. In den ersten neun Monaten legte der Umsatz hier um 125 Prozent auf 6,7 Millionen Euro zu. Allerdings ist der Anteil am Gesamtumsatz mit zwei Prozent noch sehr gering. Künftig sollte dieser jedoch stark zulegen. Weil nicht abzusehen ist, dass das Geschäft in den kommenden fünf Jahren schwächer wird, sondern eher zulegt, ist es gut vorstellbar, dass die alten Höchstkurse um 136 Euro bald der Vergangenheit angehören.

Ein Unternehmen, das man nicht unbedingt mit Wasserstoff in Verbindung bringt, ist Friedrich Vorwerk. Das Unternehmen ist auf Projekte für die Energieinfrastruktur — also Gas-, Strom- und Wasserstoffanwendungen — fokussiert. Als Spezialist auf diesem Gebiet galt das Unternehmen lange als Gewinner. Weil jedoch das Personal knapp und die Kosten hoch waren, kletterte zwar der Umsatz, die Margen entsprachen zuletzt aber nicht den Erwartungen. Im Herbst schloss man nun erfolgreich mit der Tochter Bohlen & Doyen die Phase 2 des Vergabeverfahrens für die Erdkabeltrasse A-Nord ab. Das Projektvolumen liegt hier bei rund 1,5 Milliarden Euro, der Anteil bei 40 Prozent. Erste Arbeiten sollen noch 2023 beginnen und 2026 abgeschlossen sein. Weil die Niedersachsen sich auch mit Wasserstoffleitungen sehr gut auskennen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie auch bei der Planung des neuen Netzes an Bord sind — wenn es kommt.

Wasserstoff-Aktien
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