Die jüngsten Turbulenzen an den Börsen haben eine neue Angst sichtbar gemacht: Nicht Zinsen oder Konjunktur, sondern Künstliche Intelligenz könnte zur größten Disruptionskraft für ganze Branchen werden.
In den vergangenen Wochen haben vor allem drei KI-Player für massive Kursstürze gesorgt – Anthropic, Altruist und OpenAI. Mit immer leistungsfähigeren Anwendungen dringen sie in klassische Geschäftsfelder vor, die lange als relativ sicher und rentabel galten: Finanzanalyse, Steuerberatung, Rechtsdienstleistungen und Unternehmenssoftware. Der Einbruch bei SAP war dabei nur ein erstes Warnsignal dafür, wie schnell etablierte Geschäftsmodelle ins Wanken geraten können.
Finanzsektor ebenfalls gefährdet
Besonders deutlich zeigte sich die neue Unsicherheit im Finanzsektor. Als Altruist am Dienstag ein neues KI-Tool zur automatisierten Steuerplanung vorstellte, reagierten die Märkte panisch. Die KI-Plattform „Hazel“ kann Finanzdokumente auswerten und maßgeschneiderte Steuerstrategien erstellen – Aufgaben, für die bisher hochbezahlte Spezialisten nötig waren. Anleger fürchteten sofort Margendruck und Marktanteilsverluste bei traditionellen Anbietern. Die Folge war ein breiter Ausverkauf bei unter deutschen Anlegern weniger bekannten Firmen wie Raymond James, LPL Financial, Charles Schwab, und Ameriprise. Die Botschaft war klar: KI bedroht nicht nur Tech-Firmen, sondern auch klassische Finanzdienstleister.
Ein Schocksignal generierte auch Anthropic mit seinem neuen Modell „Claude Opus 4.6“. Die Software kann Unternehmensdaten, Marktberichte und behördliche Dokumente analysieren und komplexe Finanzanalysen erstellen – in Stunden statt in Tagen. Unternehmen, die ihr Geld mit Datenanalyse, Ratings und Finanzinformationen verdienen – also mit Tätigkeiten, die KI zunehmend automatisieren kann, sind dadurch besonders stark gefährdet. Die Aktien von Factset Research, Moody´s, S&P Global und Nasdaq Inc. gerieten dadurch unter massiven Verkaufsdruck.
Die Offensive von Anthropic geht jedoch weit über Finanzanalyse hinaus. Kurz zuvor hatte das Unternehmen bereits ein Tool vorgestellt, das juristische Tätigkeiten automatisiert – ein entscheidender Auslöser für einen breiten Ausverkauf bei diversen Softwareaktien. Das Plug-in „Claude Cowork“ zeigte, wie schnell KI komplexe Aufgaben wie App-Entwicklung, Tabellenkalkulationen oder Datenverarbeitung übernehmen kann. Wenn eine KI innerhalb weniger Tage ein solches System entwickelt – größtenteils mit eigenem Code – stellt sich für viele Unternehmen die Frage: Braucht man ihre Produkte in Zukunft noch? Besonders interessant: Selbst OpenAI-Partner Microsoft geriet seit Ende Januar in schwere Turbulenzen, ebenfalls ausgelöst durch Meldungen zu seinen KI-Aktivitäten.
KI generiert Gewinner und Verlierer
Während US-Firmen bislang am stärksten betroffen waren, hat die Welle mittlerweile auch Europa erreicht. Deutlich bergab tendierten in diesem Jahr die Aktien von Software- und Datenanbietern wie SAP, Wolters Kluwer, Relx oder Atoss Software, deren Geschäftsmodelle auf wissensintensiven Prozessen beruhen. Am Mittwoch traf es auch den Software-Konzern Dassault Systems mit einem Minus von 21 Prozent. Auch Finanzdienstleister in Deutschland könnten unter Druck geraten, wenn die KI Lösungen schneller, günstiger und flexibler liefert. Noch allerdings zeigten sich bislang die Aktien von MLP und DWS Group relativ resilient, allerdings gaben DWS-Aktien am MIttwoch ebenfalls 2,6 Prozent ab.
Fazit: Der Crash bei SAP & Co. dürfte kein Einzelfall bleiben. Je stärker KI in Finanzanalyse, Recht, Programmierung und Unternehmensprozesse oder weitere Branchen vordringt, desto größer wird der Druck auf klassische Anbieter. Anleger müssen sich darauf einstellen, dass nicht nur Tech-Aktien, sondern ganze Industrien neu bewertet werden – mit Gewinnern, aber auch mit vielen Verlierern unter den Etablierten
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