In welche Papiere stecken die Deutschen ihr Geld? Die Redaktion hat nachgefragt und analysiert die zehn Lieblingsaktien. Es ist ein klares Muster zu erkennen. Von Sven Parplies

Geld und Liebe — das kann eine gefährliche Kombination sein. Auch an den Finanzmärkten.

„Verliebe dich nie in eine Aktie“, empfahl einst der legendäre Fondsmanager Peter Lynch. Dem entgegen steht eine andere Überzeugung: Wer an der Börse Erfolg haben will, muss langfristig investieren, weil gute Unternehmen ihren wahren Wert nicht innerhalb weniger Tag oder Wochen entfalten, sondern über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg. Eine solche Aktie wächst einem zwangsläufig ans Herz. Auch der DAX hat etliche Krisen durchlebt und trotzdem im Jahresschnitt mehr als acht Prozent an Wert gewonnen. Liebe und Geld können also, unter den richtigen Bedingungen, eine erfüllende Kombination sein.

So investiert Deutschland in Aktie

Auch die Deutschen, lange als Aktienmuffel bekannt, entdecken ihr Herz für die Aktienmärkte: Laut einer Erhebung des Deutschen Aktieninstituts besitzen mehr als zwölf Millionen Frauen und Männer Aktien, Aktienfonds oder ETFs. Das ist der dritthöchste Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 1997. Der bisherige Topwert liegt bei 12,9 Millionen im Jahr 2001.

Auf welche Papiere aber setzen die Deutschen genau? Der Onlinebroker Comdirect hat der Redaktion einen Einblick in die Depots gewährt. Eine exklusive — und selbstverständlich anonyme — Auswertung für €uro am Sonntag zeigt ein klares Muster.

Die größte Geldsumme steckt in Apple. Die Aktie des iPhone-Herstellers legte über die vergangenen zehn Jahre um rund 750 Prozent zu. Das Dilemma: Bei einem Jahresumsatz von 394 Milliarden Dollar wird es immer schwerer, weiter zu wachsen. In dem zum September beendeten Geschäftsjahr steigerten die Kalifornier ihren Nettogewinn um etwas mehr als fünf Prozent. Imposant ist die Summe: 99,8 Milliarden Dollar blieben unter dem Strich. Für die Zukunft ist eine andere Zahl wichtiger: Weltweit sind 1,8 Milliarden Geräte mit Apples Betriebssystem aktiv. Das ist eine gigantische Kundengruppe, der Apple zusätzlich Dienstleistungen verkaufen kann. Das Servicegeschäft macht inzwischen 20 Prozent des Umsatzes aus. Die Marge in diesem Geschäft, kalkuliert Bloomberg Intelligence, ist doppelt so hoch wie bei den Produkten.

Die am zweithöchsten gewichtete Aktie ist ein deutsches Unternehmen mit langer Tradition und einem besonderen Charme: Die im Jahr 1890 gegründete Allianz ist vor allem als Dividendenzahler beliebt. Die Hälfte des Jahresgewinns will der Versicherungskonzern an seine Aktionäre ausschütten. Zusätzlich soll die Dividende je Aktie in den kommenden Jahren mindestens fünf Prozent über dem Vorjahreswert liegen. Auch wenn diese Zielmarken kein verbindliches Versprechen darstellen, ist die Aussicht verlockend. Die Dividendenrendite der Allianz liegt aktuell bei mehr als fünf Prozent.

Auch in diese deutschen Aktien wird gerne investiert

Nummer 3 in der Rangliste führt ein Doppelleben. Amazon ist vor allem als der weltgrößte Internethändler bekannt. Dieses Geschäft hat weiter großes Wachstumspotenzial, schwankt aber mit der Wirtschaftslage. Vor dem Start in das Weihnachtsgeschäft gab der Vorstand einen verhaltenen Ausblick, weil hohe Energiekosten und Inflation die Kaulust der Konsumenten bremsen. Der wichtigere Kurstreiber der Aktie ist das andere Leben von Amazon: die Cloudsparte AWS, die Unternehmen Speicherkapazität und Software bietet. Da das Handelsgeschäft von Amazon in diesem Jahr bislang rote Zahlen schreibt, ist AWS für den kompletten Konzerngewinn verantwortlich.

5 Prozent Dividendenrendite

Insgesamt finden sich unter den zehn Lieblingsaktien (siehe Kasten unten) sechs DAX-Konzerne: Neben der Allianz sind das BASF, Deutsche Telekom, SAP, Siemens und Mercedes-Benz Group. Sie alle sind zuverlässige Dividendenzahler und aktuell auch moderat bewertet. Gleich stark gewichtet würden diese sechs Aktien in einem Depot aktuell eine Dividendenrendite von knapp fünf Prozent abwerfen und das mit der Aussicht auf langfristig weiter steigende Ausschüttungen.

Der zweite große Themenblock unter den Lieblingen ist Big Tech: Neben Apple und Amazon stehen Microsoft und Tesla bei den Deutschen hoch im Kurs. Dividende hat bei den meisten Techs keinen großen Stellenwert, weil Geld dort bevorzugt in Wachstum und auch Aktienrückkäufe investiert wird. Apple und Microsoft weisen zumindest eine kleine Dividendenrendite aus. Langfristig orientierte Anleger setzen darauf, dass Big Tech seine enorme Finanzkraft nutzt, um auch bei künftigen Innovationswellen wie dem Metaverse, dem autonomen Fahren oder der Digitalisierung der Medizin ganz oben zu schwimmen.

Lieblingsaktien

Das fehlt in den deutschen Depots

Was fehlt im Lieblingsdepot der Deutschen? Die Top Ten kommen ausschließlich aus Deutschland und den USA. Die amerikanischen Titel sind dabei Unter- nehmen, die mit ihren Produkten und Dienstleistungen den deutschen Konsumenten aus dem eigenen Alltag vertraut sind. Das deckt sich mit dem Phänomen der „Home Bias“. Dieses besagt, dass Privatanleger ihr Geld überproportional in Anlagen aus ihrem Heimatland stecken und dadurch Renditechancen verpassen. Da es oft schwieriger ist, die Geschäftsentwicklung ausländischer Unternehmen einzuschätzen, bieten sich zur regionalen Diversifizierung ei- nes Depots Aktienfonds an.

Ein Indexfonds (ETF) auf den europäischen Stoxx Europe 600, wie ihn unter anderem iShares anbietet (WKN 263530), ist zu rund einem Viertel in Großbritannien investiert, nur zu etwas mehr als zehn Prozent in Deutschland. Riskanter ist der Vanguard FTSE Emerging Markets (WKN: A1JX51), der aktuell knapp die Hälfte des Depotvolumens in China und Indien investiert hat.

Während der Techsektor unter den Lieblingsaktien stark gewichtet ist, fehlen unter den Toppositionen andere Branchen. Insbesondere die Pharmaindustrie, die durch die relativ krisenfeste Nachfrage nach Medikamenten und medizinischen Dienstleistungen ein Depot stabilisieren kann. Aus dem DAX ist Bayer eine Option, das Unternehmen ist allerdings durch sein großes Agrargeschäft ein Mischkonzern. Alternativen sind Novartis und Roche aus der Schweiz oder Astrazeneca aus Großbritannien. Der Energiesektor ist unter den Lieblingsaktien der Deutschen nur indirekt als Nebengeschäft von BASF und Siemens vertreten. Als Ergänzung bieten sich Ölkonzerne wie Shell aus Großbritannien oder auch Totalenergies aus Frankreich an.

Und welche Rolle spielen die Gefühle bei der Geldanlage? „Im Überschwang übersieht man Fehler und Schwächen des anderen oder man sieht darüber hinweg oder beschönigt sie. Das Gleiche geschieht, wenn man sich in eine Aktie verliebt“, hat der Vermögensverwalter Gottfried Heller die Problematik einmal beschrieben. Die meisten Menschen werden es nicht schaffen, ihre Emotionen komplett auszublenden. Wichtig ist es aber, nicht den Kopf zu verlieren: Selbst eine Aktie mit starken Kursgewinnen sollte in größeren Abständen — etwa zum Jahreswechsel oder nach der Veröffentlichung von Quartalsergebnissen — auf den Prüfstand gestellt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst in €uro am Sonntag 47/2022. Hier erhalten Sie einen Einblick ins Heft.