Künstliche Intelligenz galt lange als der große Wachstumstreiber an der Börse. Doch im laufenden Jahr wird KI zunehmend auch als Risiko wahrgenommen. Die Börsenstrategen von Goldman Sachs sehen einen interessanten Ausweg aus dem Dilemma.

Wie so oft folgt auf Euphorie Ernüchterung. Anleger befürchten mittlerweile, dass neue Technologien wie die KI ganze Geschäftsmodelle überflüssig machen könnten – von Software über Vermögensverwaltung bis hin zu Plattformunternehmen. Die Folge ist eine umfassende Branchenrotation: Weg von „asset-light“-Geschäftsmodellen, hin zu Unternehmen mit greifbaren, langlebigen Vermögenswerten.

Outperformance dank „HALO-Effekt“

Genau hier kommen Aktien ins Spiel, die viele Investoren bislang eher gemieden haben: kapitalintensive Unternehmen mit Fabriken, Netzen, Infrastruktur und komplexer Ingenieursleistung. Die Analysten von Goldman Sachs sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten „HALO-Effekt“ – Heavy Assets, Low Obsolescence. Gemeint sind Firmen, deren wirtschaftlicher Wert vor allem auf physischen Produktionsanlagen basiert, die teuer zu errichten, schwer zu ersetzen und lange nutzbar sind. Diese Unternehmen profitieren aktuell von einer Neubewertung am Markt.

Während Software- und Plattformwerte unter Druck geraten sind, entwickelten sich Versorger, Energie- und Rohstoffkonzerne deutlich robuster (siehe Chart). Investoren honorieren Kapazität, Netzwerke, Infrastruktur und technische Komplexität. Solche Strukturen lassen sich nicht einfach durch ein neues KI-Modell ersetzen. Kraftwerke, Gas- und Stromnetze, Chemieanlagen oder Flugzeugwerke behalten über Jahrzehnte ihren Nutzen.

Zu den prominenten europäischen Beispielen zählen laut Goldman Sachs die Titel von Airbus, Air Liquide, Safran oder ASML. Auch wenn ASML technologisch hochspezialisiert sei, basiere das Geschäftsmodell auf extrem kapitalintensiven Produktionsanlagen und einzigartiger Ingenieurskunst. Solche Unternehmen verfügen über hohe Eintrittsbarrieren, langfristige Auftragsbestände und stabile Cashflows.

Im Gegensatz dazu stehen klassische „Asset-light“-Titel wie Zahlungsdienstleister oder Softwareanbieter. Namentlich genannt werden in diesem Kontext Firmen wie L’Oreal, Adyen, DSV und Siemens Healthineers. Deren Geschäftsmodelle beruhten stärker auf digitalem Kapital und Humankapital, sagt Goldman Sachs – und seien damit theoretisch schneller durch neue KI-Lösungen angreifbar.

In der Ausgabe 09/26 von BÖRSE ONLINE haben wir zehn Stabilitätswerte für Ihr Depot vorgestellt

Indizes im Vergleich: "asset-heavy" versus "asset-light"
Foto: Bloomberg
Indizes im Vergleich: "asset-heavy" versus "asset-light"

Auf das Chance-Risiko-Profil kommt es an

Interessant ist zudem die These, dass selbst die großen US-Tech-Konzerne wie Amazon, Microsoft oder Alphabet durch den KI-Boom zunehmend kapitalintensivere Geschäftsmodelle fahren. Der Ausbau ihrer Rechenzentren verschlingt enorme Summen. Damit verschwimmt bei diesen Unternehmen die Grenze zwischen „asset-light“ und „asset-heavy“, hinzu kommt die Frage nach der damit erzielbaren, künftigen Rentabilität.

Warum besitzen kapitalintensive Aktien aus Sicht der Börse derzeit ein attraktiveres Chance-Risiko-Profil? 

Erstens bieten reale Vermögenswerte einen besseren Schutz vor technologischer Disruption. Zweitens profitieren viele dieser Unternehmen von geopolitischen Trends wie Reindustrialisierung, Infrastrukturprogrammen und steigenden Verteidigungsausgaben. Und drittens bieten Unternehmen dieses Genres stabile Erträge, Substanz und häufig auch attraktivere Dividendenrenditen. In unsicheren Zeiten, die wir derzeit zweifellos erleben, könnten ihre Aktien daher künftig stärker nachgefragt werden.

Für Privatanleger bedeutet das: In einem Umfeld, in dem KI nicht nur Chancen, sondern auch Unsicherheiten bringt, sind Aktien mit langlebigen Sachwerten eine sinnvolle Depotbeimischung. Sie gelten zwar oft als weniger glamourös und bieten selten die Chance auf einen Kursverdoppler, verfügen jedoch über robuste Geschäftsmodelle, hohe Markteintrittsbarrieren und planbare Erträge.

Fazit: Die aktuelle Branchenrotation zeigt, dass an der Börse nicht mehr nur Wachstum zählt, sondern auch Widerstandsfähigkeit. Gerade in Zeiten technologischer Umbrüche könnten sich daher ausgerechnet die vermeintlich „langweiligen“ Aktien als bessere Wahl für ein ausgewogenes Depot entpuppen.

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